Gemeinsam und organisiert – für den Kommunismus, für die Anarchie!

Meinem Eingangs-Statement bei der Veranstaltung Wege und Ziele – Kommunismus oder Anarchismus? der autonomen neuköllner antifa (ana) am vergangenen Donnerstag lag das folgende Skript zugrunde. Einen Audio-Mitschnitt der gesamten Veranstaltung gibt es bei Soundcloud; einen Mitschnitt der Veranstaltung in der vorhergehenden Woche mit den InterKomms zum Thema Klassenkampf Über Sinn und Unsinn eines politischen Konzepts gibt es ebenfalls bei Soundcloud.
Morgen [Das heißt inzwischen: Heute (Do., d 27.9.)] findet die nächste Veranstaltung der Reihe statt:

Zur Kritik an Deutschland – antinationale und antideutsche Theorie
Donnerstag 27.09.12 // 19h // k-fetisch (Wildenbruchstraße 86, Nähe U-Bhf. Rathaus Neukölln)

Ob am 09. November, dem 03. Oktober oder dem Jahrestag der rassistischen Pogrome von Rostock-Lichtenhagen: Stets stellt sich die Frage nach der richtigen Einordnung der deutschen Nation im Kontext der allgemeinen Entwicklung bürgerlicher Gesellschaften. Während zuletzt antinationalen Erklärungsversuchen eine ökonomistische Herangehensweise vorgeworfen wurde, kranken antideutsche Erklärungen laut ihrer Kritiker vor allem an einer zu starren Fixierung auf scheinbar unveränderbare Ideologietraditionen. Die Veranstaltung will dem Publikum die Argumente beider Seiten dieses Streits vor Augen führen und nach den Möglichkeiten und Grenzen eines Zusammendenkens antinationaler und antideutscher Positionen fragen.
Referent_innen: …nevergoinghome., Emanzipative Antifaschistische Gruppe (Berlin), Theorie Organisation Praxis B3rlin

 

Wie schon bei der Anmoderation gesagt wurde, bin ich Mitglied der Sozialistischen Initiative Berlin (SIB). Die SIB gibt es seit Anfang 2011. Wir arbeiten in verschiedenen Berliner Bündnissen sowohl mit antiimperialistisch als auch mit anti-national orientierten Gruppen zusammen. So waren wir z.B. Teil der Berliner M 31-Vernetzung, haben uns an der Vorbereitung der diesjährigen revolutionären 1. Mai-Demonstration beteiligt und arbeiten im Berliner Krisenbündnis mit. Gegründet wurde die SIB aber nicht wegen bestimmter thematischer Schwerpunkte bei der Bündnisarbeit, sondern um einen Vorschlag für eine breite linke Debatte über den eventuellen Aufbau einer neuen antikapitalistischen Organisation der subjektiven RevolutionärInnen zu unterbreiten.

Was das Thema des heutigen Abends anbelangt, so muß ich gestehen, daß ich die anarchistischen KlassikerInnen kaum gelesen habe. Was die kommunistischen KlassikerInnen anbelangt, bin ich nicht ganz so unbeleckt – auch wenn sich mein Grüppchen aus irgendeinem Grund, den ich nicht kenne (ich gehöre nicht zu den Gründungsmitgliedern) nicht „kommunistisch“, sondern „sozialistisch“ nennt.

Ich werde im folgenden also in erster Linie aus der Perspektive der politischen Praxis und nicht der theoretischen Praxis sprechen. Ich habe die Einladung zu der Veranstaltung heute Abend gerne angenommen, da ich in der Organisierungsdebatte, die die SIB angestoßen hat, zu denjenigen gehöre, die sagen: Wenn es um eine gemeinsame Organisation von Linken mit revolutionärem Anspruch geht, dann müssen auch AnarchistInnen dabei sein; dann kann es nicht nur eine Organisation von MarxistInnen und halb-marxistischen Autonomen und Antiimps werden. Entsprechend plural müßte eine solche Organisation also in programmatischer Hinsicht und was die inner-organisatorische Demokratie (mit Minderheiten- und Fraktionsbildungsrechten) anbelangt werden.

Wenn wir nun zu den in der Einladung zum heutigen Abend vorgegebenen Stichwörter kommen: Inhalte, Strategien und Ziele, so würde sagen:

was das bzw. die Ziele anbelangt: Anarchie und Kommunismus sind zwei Namen für das gleiche Ziel – eine Gesellschaft ohne Staat und zumindest ohne Klassen. Auch wenn es eine ausdrückliche Strömung des Anarchafeminismus gibt, so würde ich – ungeachtet meiner Unbelesenheit – doch die These wagen: Historisch sind im Durchschnitts-Anarchismus das Geschlechterverhältnis und der Rassismus nicht weniger ‚blinde Flecken’ als sie es im Durchschnitts-Kommunismus sind. Aber: Wenn der Anarchismus eine herrschaftslose Gesellschaft ist und wenn der Kommunismus etwas Gemeinsames ist – also eine Gesellschaft, in der Unterschiede von Herrschenden und Beherrschten ebenfalls überwunden ist – müssen – dies ernstgenommenen – Anarchismus und Kommunismus Gesellschaften sein, in der auch patriarchale und rassistische Herrschaft überwunden sind.

Was nun die Strategien angeht, so sind die Unterschiede zwischen AnarchistInnen und KommunistInnen schon größer:

Da ist zum einen die leidige Frage der Übergangsgesellschaft und des sozialistischen Staates. Wenn ich recht sehe, würden die AnarchistInnen – abgesehen von den gewaltfreien – zwar der maoistischen These zustimmen, daß eine Revolution keine dinner party ist, daß also durchaus mit handgreiflichem Widerstand von KonterrevolutionärInnen zu rechnen ist, der gebrochen werden muß.
Die Differenz scheint mir darin zu liegen, daß AnarchistInnen denken, daß dies allein durch gesellschaftliche Selbstorganisation ‚von unten’, ohne staats-ähnliche institutionelle ‚Stützpunkte’ gelingen kann.
KommunistInnen sagen dagegen – jedenfalls, wenn sie, wie ich, LeninstInnen sind, – daß es dafür eines sozialistischen Halb-Staates bedarf, der an seinem eigenen Absterben arbeitet. Das ist, klar, eine ziemlich heikle Frage: Denn die historisch bekannten – jedenfalls nach ihrem Selbstverständnis – sozialistischen Staaten waren ziemlich bockig, was ihr eigenes Absterben anbelangt.

Hier haben KommunistInnen also noch einige Hausaufgaben zu erledigen, wenn es nach einer nächsten Revolution mit dem Absterben des Staates besser klappen soll.

Was nun allerdings die Organisierungsdebatte, an der ich beteiligt bin, betrifft, so würde ich sagen: Wir sind in der BRD sooo weit von einer Revolution entfernt, daß unterschiedliche Vorstellungen, was nach einer Revolution passieren soll, kein Hindernis sein müssen, daß sich AnarchistInnen und KommunistInnen in den nächsten Jahrzehnten in einer gemeinsamen, pluralen revolutionären Struktur organisieren.

Das mit der gemeinsamen Organisierung wird allerdings dann schwierig, falls für einige Individual-AnarchistInnen allein schon jedwede Organisierung; falls allein schon das Treffen von Absprachen mit anderen GenossInnen, und diese nicht je nach spontaner Eingebung wieder umzuwerfen, ein unziemlicher Eingriff in die individuelle Freiheit ist.
In der Organisierungsdebatte, an der ich beteiligte bin, ist jedenfalls klar, daß es in der Organisation, die wir eventuell gründen wollen, eine „(gewisse) Verbindlichkeit“ geben soll. Was „gewisse“ heißt, ist allerdings schon weitaus weniger klar…

Klar ist immerhin – wie bereits gesagt –, daß es innerhalb der Organisation ein Recht zur Bildung von Tendenzen und Strömungen geben soll.
Und diejenigen, die sich bisher zu dieser Frage geäußert haben, sind sich inzwischen auch einig, daß nicht das Prinzip herrschen soll, daß Kritik nur ‚nach innen’ geäußert werden darf, ‚nach außen’ aber Einheit vorzutäuschen sei. Vielmehr sollen die Mitglieder und Strömungen autonom entscheiden können, mit welchem Dissens zur Mehrheitsmeinung in der Organisation sie an die Öffentlichkeit treten und ob sie sich an der Umsetzung von Mehrheitsbeschlüssen beteiligen. Die Kehrseite davon ist allerdings, daß – genauso, wie Minderheiten und Einzelne jederzeit austreten können – auch die Mehrheit sagen können muß, daß sie bei einem bestimmten Ausmaß von Dissens keinen Sinn mehr in einer gemeinsamen Organisation sieht – also im Extremfall die Minderheit ausschließt.

Und wichtig ist – wie gesagt –, sich an die eigenen Zusagen zu halten. Wir kommen – hoffentlich – alle immer wieder zu besseren Einsichten, als wir sie gestern noch hatten. Aber diese besseren Einsichten sollten dann auch mitgeteilt werden, bevor ihnen entsprechend gehandelt wird. Wenn wir also heute beschließen, morgen um 6:30 h das Rote Rathaus zu besetzen und die Hälfte uns stellt dann den Wecker nicht, weil sie doch lieber ausschlafen wollen, dann ist das nicht revolutionäre Praxis, sondern subjektivistisches Larifari.

Bleibt noch die Frage, um was für eine Organisation es sich handeln soll bzw. die Frage des Anarchosyndikalismus. Wenn ich recht sehe, sind die AnarchosyndikalistInnen die am wenigsten organisationsfeindlich AnarchistInnen – sie sind also für ‚uns LeninistInnen’ die Lieblings-AnarchistInnen…

Das Problem ist allerdings: AnarchosyndikalistInnen plädieren üblicherweise, wenn recht sehe, für eine gewerkschaftlich-politische Mischorganisation, während ‚wir LeninistInnen’ eine politische Organisation der RevolutionärInnen für notwendig halten, die zwar nicht getrennt, aber unterschieden ist von einer (bloß) klassenkämpferischen Gewerkschaftspraxis.

Mit großem Interesse habe ich daher und haben die anderen SIB-Mitglieder daher vor kurzem ein Papier der Basisgruppe Antifa, der Bremer Gruppe des kommunistisch-antinationalen Ums Ganze-Bündnisses gelesen. Dort hieß es: „Dieses Strategiepapier ist ein Plädoyer für die Bildung einer strategischen Doppelflanke: Syndikalistische Gewerkschaften auf der einen, Strukturen von Alternativ- und Gegengesellschaft auf der anderen Seite. Beide vermittelt zueinander über kommunistische (Selbst-)Organisierungen als strategisches Zentrum in Form von Theorie und Praxis, kollektiver Debatte und Reflexion. Dies, vermittelt nach ‚außen’ in Form von Agitation und Propaganda.“

Das wäre ein ‚Modell’, auf dessen Grundlage ich sofort zu gemeinsamer politischer Organisierung mit AnarchosyndikalistInnen bereit wäre: Wir bauen gemeinsam ein strategisches Zentrum, das in kollektiver Debatte und Reflexion für theoretische und politische Praxis ‚zuständig’ ist, auf – ein strategisches Zentrum, das reflektiert und artikuliert, daß es letztlich nicht nur um Betriebskampf hier und Betriebskampf da und auch nicht nur um vermeintlich richtige Alternativgesellschaft in der falschen mainstream-Gesellschaft geht, sondern um das Ganze bzw. – wie Lenin sagte – um den Bruch mit dem „gesamten gegenwärtigen politischen und sozialen System“.
Und wenn sich GenossInnen dieser politischen Struktur, bspw. weil es in ihrem Betrieb keine FAU-Gruppe (was ja noch recht häufig vorkommen soll ;-) ), aber eine kämpferische DGB- oder GdL-Gewerkschaftsgruppe gibt, bei letzterer organisieren, dann muß das aber auch in Ordnung sein.

In diesem Sinne: Gemeinsam und organisiert – für den Kommunismus, für die Anarchie!

Quelle:
http://web.archive.org/web/20121105073128/http://www.nao-prozess.de:80/blog/gemeinsam-und-organisiert-fuer-den-kommunismus-fuer-die-anarchie/

Ein Gedanke zu „Gemeinsam und organisiert – für den Kommunismus, für die Anarchie!“

  1. Unter dem Artikel waren seinerzeit die folgenden drei Kommentare erschienen:

    richard sagt:
    27. September 2012 um 19:53
    Hallo,

    hört sich ja gut an, aber wie war der ehrliche feedback?

    Denn von Strategie höre ich wenig. Und wenn der Kommunismus einen Machtapparater braucht, wie du erwähnst, dann sind wir Anarchisten doch die ersten, die unter diesen Mühlen kommen, nämlich dann wenn diese Revolution nicht von der Mehrheit der Menschen vollzogen wird, sondern von einer Minderheit, die sich wieder verdeidigen muss.

    Und um diese Mehrheit jemals zu erlangen, da braucht man keine witzigen Anlagogien, wann wer aufsteht, sondern man braucht vertrauen, man muss den anderen erkennen können, also dass er sich nicht hinter der Literatur versteckt und womöglich die gleichen Fehler wiederholt (Ich sag nur GULAG).

    Wo bleibt die Strategie, um wirklich in die Gesellschaft hinein zu dringen? Nämlich darin, dass mal offen und ehrlich die Gesellschaft kritisiert, ohne dem Gegenüber per see böse Absichten zu unterstellen. Und indem man nicht öffentlich zu Gewalt oder gewaltähnlichen Zenarien aufruft, weil es gibt viele mit Familie. Und wenn wir wachsen wollen, dann muss das innerhalb von Familien funktionieren.

    Wie kann man eine Sommerdebatte ausrufen und drei Wochen vorher vom Staat zerschlagen reden? Das wiederspricht sich dem sooo weit Entfert, weil diese Fehler bereits in der Vergangenheit gemacht wurden. Sobald mit Gewalt der Staat gestürzt werden soll, ist man bereits in einer Minderheit. Es geht darum den Staat zu erobern, durch die Mehrheit!

    MsG
    Richard
    Antworten

    Kim B. sagt:
    29. September 2012 um 11:16
    Ich habe mir den Verlauf der Veranstaltung auf Soundcloud angehört. Mein Fazit: eine sehr gute, Mut machende Veranstaltung ohne Polemik und mit guten Inhalten. ein gutes Beispiel für eine faire Auseinandersetzung unter Linken. Weiter so!

    DGS, vielleicht findest du Zeit, mir den Unterschied zwischen politischer und theoretischer Praxis (Althusser?) zu erklären.

    Kim
    Antworten

    DGS_TaP sagt:
    29. September 2012 um 18:29
    @ Kim:

    Zum

    Unterschied zwischen politischer und theoretischer Praxis (Althusser?)

    Ja, die Terminologie ist von Althusser. Der Unterschied ist aber vielleicht gar nicht das Sensationelle:

    Die theoretische Praxis produziert wissenschaftliche Erkenntnisse und philosophische Thesen.

    Die politische Praxis produziert politische Effekte, sagen wir vielleicht: (intentionale) Stabilisierung und/oder Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

    Der Clou daran ist vielleicht weniger die Unterscheidung, als vielmehr, auch in Bezug auf Theoretisches von Praxis zu reden.

    Althussers Begründung für diesen Sprachgebrauch:

    „Die Kritik, die in letzter Instanz die Abstraktion, die zur Theorie, zur Wissenschaft gehören würde, dem Konkreten gegenüberstellt, das das Tatsächliche selbst wäre, ist eine noch ideologische Kritik, da sie die Realität der wissenschaftlichen Praxis leugnet, die Gültigkeit ihrer Abstraktionen und schließlich die Wirklichkeit jenes theoretisch ‚Konkreten’, das eine Erkenntnis ist. […] sie [… leugnet] die Wirklichkeit der Praxis […], die gerade die Erkenntnis produziert.“

    (Louis Althusser, Für Marx, Suhrkamp: FfM, 1968, 129 / 20112, 234; engl., p. 187)

    Althusser knüpft mit seinem Sprachgebrauch zugleich an Marx, der 1857 von der

    „denkende […], […] künstlerische, religiöse, praktisch-geistige Aneignung dieser Welt“ (MEW 13, 633)

    sprach und

    an Mao, der 1937 sagte, daß die „gesellschaftliche Praxis“ nicht auf die Produktion materieller Güter beschränkt ist,

    „sondern […] noch viele andere Formen [hat]: den Klassenkampf, das politische Leben, die wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit“ (MAW I, 348).

    Siehe ergänzend:
    http://www.nao-prozess.de/blog/3-spektren-oder-doch-nur-eines-und-eine-ueberzeugung/2/

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