Fishermen’s Friend – eine Antwort auf DGS und Systemcrash

In den letzten Tagen wurde der Blog des NAO von Diskussionsbeiträgen von DGS und Systemcrash geradezu überflutet. Die zwei schlagen Alarm, sehen sie doch den NAO-Prozess vor dem Abdriften in eine „anti-kapitalistische Sammlung“ und vor einer Abwendung von der Einigung der „subjektiven RevolutionärInnen“.

Dabei wird die Realität nicht nur vollkommen verzerrt wiedergegeben – es wird zugleich auch öffentlich ein falscher Eindruck über die eigentlichen Kernfragen der weiteren Entwicklung des NAO erweckt. Daher sehen wir uns genötigt, auf DGS und Systemcrash ausführlicher einzugehen. Das ist leider nicht möglich, ohne sich zuerst mit einigen Kritikpunkten und Unterstellungen von DGS und Systemcrash auseinandersetzen. Wir wollen dann aber auch auf die Schwächen und Fehler ihrer Konzeption eingehen.

 

1. Zum Fischen

In seinem Beitrag „Übergangsorganisation” = fishing for new members für die “Miniparteien” (http://naoprozessdoku.blogsport.eu/2012/10/09/die-nao-als-uebergangsorganisation-fishing-for-new-members-fuer-die-miniparteien/) wirft Systemcrash derGAM und der isl vor,sie würden nur aus „taktischen Gründen“ im NAO arbeiten und im übrigen zu versuchen, Mitgliederzugewinnen – was despektierlich als „Fischen“ denunziert wird.

Nun haben schon GenossInnen der isl drauf hingewiesen, dass es eigenartig anmutet, dass gerade der NAO-Prozess als vielversprechendes Fischereigebiet gelten soll.

Es ist aber auch ein seltsamer Vorwurf für GenossInnen, die sich sonst gern als Sachwalter des Leninismus hinstellen, eine taktische Haltung zu Umgruppierungsprozessen – und ein solcher ist der NAO-Prozess gegenwärtig – und erst recht das Bestreben, GenossInnen für die eigene politische Position zu gewinnen und zu organisieren, für verwerflich zu halten.

Hier wirft sich im Grunde nur jemand in Pose, um sein eigenes Konzept oder seine eigenen Vorstellungen als frei von Taktik hinzustellen.

So versuchen GAM und isl zu „fischen“, während Systemcrashs Vorstoß, eine eigene Gruppe/Plattform zubilden (die „LeninistischeInitiative=LENI,http://www.nao-prozess.de/blog/sein-oder-nicht-sein), natürlich nur als Mittel zur späteren Selbstauflösung verstanden werden kann. Wenn sich Systemcrash hier ernst nehmen würde, so müsste auch ihm auffallen, dass er damit eine gesonderte Gruppe schafft, die ebenfalls „fischen“, also AnhängerInnen gewinnen will.

Jede Gruppierung/politische Strömung will UnterstützerInnen gewinnen. Das ist natürlich umso mehr der Fall, wenn VertreterInnen unterschiedlicher Konzeptionen, unterschiedlicher programmatischer Positionen, unterschiedlicher Vorstellungen von Organisation aufeinanderprallen. Natürlich versucht in dieser Situation jede „Strömung“, möglichst viele AnhängerInnen für ihre Position zu gewinnen, möglichst viele zu überzeugen. Das tun natürlich auch Systemcrash und DGS, die selbsternannten SachwalterInnen eines vorgeblich „revolutionären Flügels“.

Wir sehen darin nichts Ehrenrühriges und auch nichts Problematisches. Wohl aber halten wir die Darstellung für doppelbödig und auch illusorisch, dass die verschiedenen Gruppierungen oder Strömungen in einem Umgruppierungsprojekt wie dem NAO, das noch dazu nicht einmal über das Stadium eines recht losen Netzwerks hinausgekommen ist, darauf verzichten würden, sollten oder auch nur könnten, für sich und ihre Positionen zu werben. Das heißt aber, dass sie solange weiter als getrennte Gruppierungen/Strömungen existieren.

Nehmen wir andere, politisch durchaus sehr unterschiedliche Beispiele von Umgruppierungen, in denen verschiedene Strömungen existieren. Dort werben die einzelnen Gruppierungen natürlich auch um neue Mitglieder, vielfach können Menschen nur so z.B. in Antarsya beitreten. Ähnliches gilt für Syriza. Auch in der NPA haben die verschiedenen Strömungen aus der LCR – ergänzt durch weitere – fortexistiert und existieren fort. Und natürlich ging es denen auch darum, Mehrheiten für sich zu gewinnen. Alle verhalten sich also so, wie sie es lt. Systemcrash nicht tun dürften.

 

2.Nureine Taktik

In der Tat ist der Beitritt zur NAO für uns eine Taktik, ein Mittel zum Zweck. Deren Sinnhaftigkeit erweist sich darin, ob und wie sehr der NAO-Prozess zur Schaffung einer revolutionären Arbeiterpartei beiträgt – oder einer Vorstufe dazu, also einer Organisation, die größer ist als die aktuellen Gruppen, politisch um ein Programm vereinheitlicht und handlungsfähiger ist als die bloße Addition der bestehenden.

Wir haben in unserer Vorlage zum NAO-Workshop auf der Sommerdebatte ausgeführt,  mit wem und zu welchem Zweck wollen wir uns organisieren wollen. (http://www.nao-prozess.de/blog/workshop-a-2-mit-wem-und-zu-welchem-zweck-wollen-wir-uns-organisieren)1. Dabei haben wir zwei mögliche, positive Varianten der Entwicklung skizziert:

 

a) Die Schaffung einer revolutionären Organisation, also einer Umgruppierung, an deren Ende ein gemeinsames revolutionäres Programm steht. Das impliziert die Überwindung der bestehenden, programmatischen Differenzen wie auch unterschiedlicher Vorstellungen, zu Aufbau, Wirkungsweise usw. einer solchen Gruppierung.

Diese wäre noch keine revolutionäre Partei, aber sie wäre im Optimalfall eine größere, weitaus handlungsfähigere Gruppierung auf revolutionärer Grundlage, ein Schritt zu einer größeren revolutionären Organisation, zur Überwindung der Führungskrise des Proletariats.

b) Das NAO zieht ein größeres Spektrum an (oder die politischen Zuspitzungen führen zu größeren Umgruppierungsprozessen in Teilen der Arbeiterklasse, z.B. durch Brüche in der Linkspartei). In diesem Fall geht es auch darum, wie wir uns (ich meine jetzt das aktuelle NAO) auf eine solche Entwicklung einstellen; es geht darum, eine Partei aufzubauen. Die im NAO versammelten GenossInnen sollten dabei als Block agieren, als Pol, der sich in diesem Prozess im Optimalfall auf revolutionärer Grundlage verständigt.

In beiden Fällen treten wir als GAM dafür ein, dass eine solche Partei oder eine Vorform auf revolutionärer Grundlage entsteht. Wir versuchen zu diesem Zweck, diese Formation für unser Programm zu gewinnen.

Dies war auch immer unsere Ausrichtung in der WASG oder davor im NLO. Nie war es unser Ziel, dass eine „Übergangsorganisation“ als Dauerzustand oder Vorfeldstruktur entsteht. Aber wir lehnen es ab, die revolutionäre Organisation in der Form eines Ultimatums zu präsentieren. Uns ist bewusst, dass es dazu eines längeren Diskussionsprozesses bedarf – eines Diskussionsprozesses, der unter Strömungen und GenossInnen geführt wird, die langjährige wichtige politische Differenzen betreffen, die bislang einer Vereinigung der verschiedenen Gruppierungen entgegenstand, die sich revolutionär/kommunistisch/sozialistisch nennen.

Um eine Chance zur Überwindung dieser Differenzen zu haben, muss dieser Prozess nicht nur auf allgemeine Grundsätze bezogen sein, sondern auch auf eine möglichst genaue Bestimmung und Entwicklung gemeinsamer Praxis.

Schließlich gehen wir davon aus, dass revolutionäre Einheit nicht entstehen kann, wenn sie sich nur auf die Festlegung von Prinzipien beschränkt, sondern dass sie sich auf die konkreten Hauptfragen des Klassenkampfes in einer bestimmten Situation/geschichtlichen Periode konzentrieren muss. In unserem Text haben wir kurz dargelegt, welche Art von Programm uns vorschwebt UND wie wir denken, in diesem Prozess voranzukommen:

 

“ Aufgrund der politischen Differenzen, die es zwischen den einzelnen Organisationen gibt und die sicher nur über einen längeren Diskussionsprozess zu klären sind, schlagen wir vor, dass sich die Gruppen im Prozess 1. auf politische Positionen einigen, um gemeinsam in Einheitsfronten und Kampagnen zu intervenieren und 2. die Erarbeitung eines Aktionsprogramms gegen die Krise in Angriff nehmen.

Ein solches Aktionsprogramm sollte den Charakter eines Programms für Übergangsforderungen haben und als ein wichtiger Bezugspunkt zur Sammlung für eine neue anti-kapitalistische Organisation und als Schritt zur revolutionären Umgruppierung dienen. Die Gruppen, die sich an einem solchen Prozess beteiligen, sollten eine Art „Block“ bilden.

Auch Fragen wie das Verhältnis des Klassenwiderspruchs zu anderen Unterdrückungsverhältnissen (Rassismus, nationale Unterdrückung, Frauenunterdrückung, Unterdrückung von Lesben, Schwulen, Transsexuellen) sollen im Rahmen einer solchen programmatischen Diskussion angegangen werden.” (http://www.nao-prozess.de/blog/workshop-a-2-mit-wem-und-zu-welchem-zweck-wollen-wir-uns-organisieren)2

Am Beginn dieses Prozesses wird die NAO (oder eine ähnliche Formationen) noch nicht den Charakter einer vereinheitlichten revolutionären Organisation haben und auch nicht haben können. Die verschiedenen Gruppierungen werden als Strömungen/Fraktionen/Tendenzen oder als selbständige Gruppierungen in einer solchen „Bündnisorganisation“ (Stichwort Modell Antarsya) weiter existieren, solange für sie keine ausreichende politische Einheit vorhanden ist, die ihre Selbstauflösung ermöglicht. Für uns wäre das der Fall, wenn die NAO ein revolutionäres Programm hätte, wenn es keinen politisch-programmatischen Grund für unsere gesonderte Existenz als GAM mehr gäbe.

Bis dahin wird das NAO, ob es Systemcrash oder anderen gefällt oder nicht, eine „Übergangsorganisation“ oder ein „Block“ sein.

 

3. Wie kommen wir zu einer programmatischen Vereinheitlichung?

Es erhebt sich also die Frage, wie wir zu einer programmatischen Vereinheitlichung kommen – ausgehend vom realen NAO.

Die Vorstellung von DGS, dass zuerst Grundsätze/Essentials/Prinzipien zu klären seien und dann irgendwann eine Praxis daraus folgen würde, ist reiner Schematismus, der nicht funktionieren kann.

Warum? Weil die „Prinzipien“ oder Essentials nicht nur in ihrer Allgemeinheit festgehalten werden müssen, sondern, um eine wirkliche politische Einheit zu ergeben, auch auf ihre praktische Anwendung hin konkretisiert werden müssen.

Um das Problem der Herangehensweise von DGS zu verdeutlichen, wollen wir seinen Konkretisierungsvorschlag zum „Essential“ Einheitsfront betrachten:

DGS schlägt dazu folgende Formulierung vor:

„c) Gemeinsam halten wir für es für wichtig, daß zumindest die Mitglieder einer künftigen NaO, die einen Job haben, aktiv in einer Gewerkschaft mitarbeiten. Soweit Gewerkschaften über Erwerbslosen-Strukturenverfügen, sollten dies auch GenossInnen ohne Job tun. Viele von uns halten die Mitarbeit in der jeweils zuständigen DGB-Einzelgewerkschaft für am sinnvollsten. Sie sprechen in Bezug auf die DGB-Gewerkschaften von “elementaren Einheitsfront-Organen”. Einige von uns sind dagegen der Überzeugung, daß es auch – j nach betrieblichen Bedingungen – sinnvoller sein kann, in der FAU oder einer kämpferischen Spartengewerkschaft wie der GdL mitzuarbeiten.“ (NachHannoverII:Essential-Entwurf2.2, http://naoprozessdoku.blogsport.eu/2012/10/07/nach-hannover-ii-essential-entwurf-2-2/)

Diese Beschreibung geht über eine allgemeine Anerkennung, dass sich Menschen gewerkschaftlich organisieren sollen, nicht hinaus. Sie beinhaltet überhaupt keine politische Ausrichtung des NAO, sondern reiht nur aneinander, was die im NAO diskutierenden Gruppierungen ohnedies schon denken und tun.

Es fragt sich dann, was eine Anerkennung der Einheitsfront an sich oder auch eine Ablehnung der Einheitsfront von unten für sich genommen wert sein soll, wenn sie nicht konkretisiert wird zu einer politischen Ausrichtung des NAO. Wir denken, dass das NAO nicht nur dafür eintreten soll, dass GenossInnen in DGB-Gewerkschaften (in Ausnahmefällen könnte das auch eine GDL sein, wenn die Mehrheit der Beschäftigten in einer Branche von dieser organisiert werden) arbeiten. Das NAO sollte vielmehr auch gemeinsam mit anderen klassenkämpferischen Kräften versuchen, eine organisierte Basisopposition in den Betrieben und Gewerkschaften aufbauen, die gegen den bürokratischen Apparat kämpft. Eine solche Bewegung sollte dafür eintreten, die Gewerkschaften zu Instrumenten des Klassenkampfes zu machen, sie von Grund auf zu demokratisieren (Wähl- und Abwählbarkeit ihrer Funktionäre, Begrenzung des Einkommens auf ein durchschnittliches FacharbeiterInnengehalt).

Konkret sollten alle Gruppen des NAO in Absprache in der Gewerkschaftslinken arbeiten, und Gruppen aufbauen, die obige Zielsetzung verfolgen. Dazu müssten sie sich auch – so weit möglich – auf gemeinsame Politik, gemeinsame Vorschläge und Forderungen (das inkludiert natürlich auch Tagesforderungen) verständigen. Außerdem müssten sie dann auch bestimmen, wie sich diese GenossInnen (wie sich das NAO) gegenüber der Gewerkschaftsführung, gegenüber Betriebsräten usw. verhält, welche Taktik es einschlägt. Ohne sich darüber zu verständigen, bleibt jede BuG-Arbeit unbestimmt und ineffizient.

Wenn das NAO nicht fähig ist, eine solche Konkretisierung zu leisten, versagt es in einer Kernfrage das Klassenkampfes in Deutschland, bleiben die „Essentials“ im luftleeren Raum, weil sie für die Praxis, die Aktivität der NAO-Gruppen ganz offenkundig eben nicht essentiell wären und sind.

Es würde sich herausstellen, dass die Gemeinsamkeit bloß eine Gemeinsamkeit des Bekenntnisses wäre, die jedoch zu unterschiedlicher, wenn nicht gar gegensätzlichen politischen Schlussfolgerungen und entsprechender Praxis führt. Eine revolutionäre Einheit wäre das sicher nicht.

 

Welche Einheit?

Daraus ist ersichtlich, dass wir keineswegs davon ausgehen, dass jene, die auf einzelne Essentials schwören, notwendigerweise die geeignetsten AnsprechpartnerInnen, das geeignetste Milieu für eine Umgruppierung und die Schaffung einer größeren anti-kapitalistisch-revolutionären Organisation sind.

Vor allem muss sich der Prozess nicht nur darin erweisen, wozu sich RevolutionärInnen bekennen, sondern auch in der konkreten Bestimmung dessen, was das heute konkret in zentralen Fragen des Klassenkampfes heißt.

DGS und Systemcrash vertreten hier eine grundsätzlich andere Konzeption. Für sie ist der Aufbau im Wesentlichen eine Sammlung eines bestimmten politischen Spektrums, nämlich jenes, das sich als revolutionär proklamiert.

DGS wirft der GAM u.a. gern und geradezu mantraartig vor, dass sie nicht permanent an der „Einheit der RevolutionärInnen“ arbeiteten, genauer, jener Linker, die sich dafür halten und sich zur Notwendigkeit der Zerschlagung der bürgerlichen Staates, zum „revolutionären Bruch“ bekennen – des eigentlichen Essentials von DGS.

Wie dieses Bekenntnis in die Sprach der Strategie und Taktik übersetzt wird, kümmert sie dabei vergleichsweise wenig, solange nur das „Prinzip“ dabei nicht verletzt wird. Daher auch die allergischen Reaktionen von DGS und Systemcrash, sobald von Arbeiterregierung als Übergangsforderung im Unterschied zur Diktatur des Proletariats die Rede ist.

Es ist in diesem Zusammenhang kein Wunder, dass DGS mit der „revolutionären Orientierung“ die Ausrichtung auf ein ganz bestimmtes Spektrum der radikalen Linken in Deutschland meint: die „postautonomen“ Bündnisse, „Ums Ganze“ (UG) und A3-Bündnis (vergleiche DGS, Welchen Platz im politischen Raum soll eine nicht-revolutionäre NaO besetzen können?”)

Wir halten eine bevorzugte Orientierung auf diese Spektren für fragwürdig, ja politisch falsch. Was eint uns denn mit dem UG-Bündnis mehr als ein Bekenntnis dazu, dass vom bürgerlichen Staat nicht viel zu halten ist? Welche Essentials oder gar programmatische Konkretisierung teilen wir denn mit dem A3-Bündnis, das sich mehr und mehr stalinistischen Positionen annähert?

Für DGS gelten solche Formierungen umstandslos als „revolutionärer“ als die IL oder einzelne Gruppierungen in der Linkspartei wie SAV oder Marx21. Sie macht auch kein Hehl daraus, dass es um eine Schwerpunktsetzung der Diskussion mit diesen Kräften geht. Das ist auch der eigentliche Zweck der Proklamation eines vorgeblich „revolutionären“ Flügels des NAO.

Wir teilen diese politische Einschätzung dieser Spektren nicht. „Revolutionär“ ist das UG-Bündnis doch nur von seinem „Selbstverständnis“ her – in Wirklichkeit ist es eine Spielart des kleinbürgerlichen Radikalismus, der mit der Arbeiterbewegung nichts zu tun hat und auch nichts zu tun haben will. Als grundlegende Differenzen fallen uns zu diesem Spektrum gleich mehrere Dinge ein: die (vorsichtig formuliert) Nähe zu den Anti-Deutschen (die wir im übrigen als eine reaktionäre pro-imperialistische Strömung charakterisieren, die von der Linken generell geächtet werden sollte); die Ablehnung der Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt; Ablehnung des Aufbaus einer Klassenpartei; Ablehnung der Diktatur des Proletariats; falsche Kritik des Kapitalismus im Gefolge der sog. „Wertkritiker“; Ablehnung von Teil- und Übergangsforderungen usw. usf.

 

Für DGS sind solche Differenzen offenkundig nachgeordneter Natur. Von Systemcrash lässt sich darüber nichts weiter sagen, weil er sich zur Aufbaustrategie und zur Orientierung von DGS wenig äußert. Auch sein „Plattformentwurf“ ist nichts weiter als eine Reformulierung der bisherigen Essential-Debatte, die allerdings mit etlichen politischen Zugeständnissen an die post-autonomen Spektren angereichert ist – inklusive der illusorischen Vorstellung, dass das NAO nicht in Konkurrenz zu ihrerseits miteinander konkurrierenden „post-autonomen“ Umgruppierungsprojekten stehen würde. In Wirklichkeit steht sie natürlich dazu auch in politischer Konkurrenz, allein schon dadurch, dass es das NAO gibt.

DGS verfolgt ihre „Einheit der Revolutionäre“ mit Konsequenz. Sie verheimlicht immerhin nicht, dass es ihr dabei um ein ganz bestimmtes Spektrum geht.

Das stand und steht auch hinter den Debatten um „Essentials“ und den „NAO-Charakter“; das drückt sich auch in der Diskussion am KO-Treffen aus, als DGS allen Ernstes Vorbehalte dagegen hatte, dass das NAO offen sein solle für AntikapitalistInnen, die sich über die genauen Methoden der Systemüberwindung noch nicht klar sind.

Praktisch hieße das nichts anderes, als den Ausschluss von klassenkämpferischen ArbeiterInnen, die sich von den reformistischen Organisation wegbewegen, in Konflikt zur Gewerkschaftsbürokratie geraten und sich nach links bewegen. Nur doktrinäre KleinbürgerInnen können es ablehnen, sich ernsthaft mit solchen Kräften zu befassen. Das Beharren auf einer sog. „revolutionären NAO“ – ohne dass die Inhalte schon geklärt sind – ist hier nur eine Ausrede dafür, sich nicht auf die ArbeiterInnenklasse zu orientieren, auf deren Kämpfe, Aktionen, Kampagnen. Anscheinend fürchten diese „Radikalen“, dass der Beitritt noch nicht bewusst revolutionärer ArbeiterInnen in die NAO gleich den ganzen Charakter des Projekts ändern würde, weil es ihnen an einer politischen Konzeption mangelt, wie diese politisch organisiert und weiter gebracht werden können.

So erscheint es in der Debatte so, dass noch nicht revolutionäre antikapitalistischen AktivistInnen die NAO überschwemmten würden, während das wirkliche Problem doch viel eher in der noch geringen Anziehungskraft des Projekts liegt.

Eine solche Anziehungskraft wird die NAO aber nie erlangen, wenn es nur ein Debattierclub über Essentials ist. Vielmehr muss es sich auch praktischen Aufgaben stellen, um Ziele, Methoden und Inhalt politischer Intervention im Klassenkampf (zu Beginn jedenfalls in einigen Feldern) aufzuarbeiten und gemeinsam zu handeln (respektive um zu überprüfen, ob sich die NAO darüber wirklich verständigen kann).

Daher ist die Arbeit an einem programmatischen Manifest auch so wichtig. Es ist ein erster, realer Schritt, ein Programm des NAO zu erarbeiten. Wenn Systemcrash unseren Text zum NLO genau gelesen hätte, hätte er im übrigen auch gemerkt, dass wir eine solche Diskussion inklusive der zu diskutierenden Themen schon damals vorgeschlagen hatten.

Es ist dieses zukünftige Programm, die zukünftige Praxis, auf deren Grundlage neue GenossInnen zum NAO gewonnen werden sollen. Für DGS geht es aber offenkundig um eine Gesinnungsmitgliedschaft, nicht darum, Essentials in der Form eines Programms zu konkretisieren, zu einem System von Forderungen zu verbinden und so überhaupt erst eine politische Grundlage für gemeinsames Handeln zu schaffen.

Solange es diese aber nicht gibt, halten aber wirklich nichts davon, schon über „Mitgliedskriterien“ im NAO zu debattieren. Eine solche Festlegung über das allgemeine Bekenntnis zu den „Essentials“ hinaus macht überhaupt keinen Sinn, solange es noch nicht einmal ein programmatisches Manifest gibt.

Wir haben als GAM dazu einen Vorschlag unterbreitet. Es ist bemerkenswert, dass sich DGS und Systemcrash damit kaum auseinandersetzen – jedenfalls verglichen mit all ihren anderen Texten. Wollte die GAM aber das NAO von einem „revolutionären Kurs“ abbringen, so würden wir doch annehmen, dass sich in einem programmatischen Gerüst-Text doch klare Hinweise darauf finden lassen würden. Doch Fehlanzeige. Die GAM hat mehrere Stellungnahmen zu „Essentials“ produziert und ihre Position dargelegt. Wo bleibt die „revolutionäre“ Kritik? Schweigen im Walde.

Statt dessen erleben wir ein ewiges Abarbeiten daran, wer am besten NICHT an der Diskussion teilnehmen solle, wer am besten NICHTS im NAO-Prozess verloren hätte. Als ob dies das Problem der NAO wäre.

Das ist es aber offenkundig für DGS und Systemcrash. Für DGS geht es um die „Einheit“ der Prinzipienvertreter, im Grunde also um eine Organisation, die auf Glaubensbekenntnissen – denn dazu wird das bloße Bekenntnis zu „Bruch“, „Einheitsfront“ etc., wenn es nicht auf eine bestimmte Periode, eine bestimmte Situation hin konkretisiert wird. Wir hingegen treten für revolutionäre Einheit auf Grundlage eines Programms ein, das, so weit nur möglich, im Handeln einer Organisation angewandt und beständig überprüft werden soll.

Nur auf dieser Grundlage machen dann „enge“ Mitgliedskriterien, machen demokratischer Zentralismus usw. wirklich Sinn.

Heute sind die „Essentials“ Leitplanken nach rechts und nach ultra-links, in deren Rahmen sich – grob gesprochen – ein Diskussions- und Umgruppierungsprozess bewegt.

Großartig definierte „Mitgliedskriterien“ machen hier überhaupt keinen Sinn, sondern dienen letztlich nur – wie von DGS im Fall der isl angestrebt – zu einer politisch unausgewiesenen Ausgrenzung einer Gruppierung. Rückblickend müssen wir feststellen, dass auch die Diskussion um das AKKA und die ständige Behauptung von DGS, dass es sich „außerhalb“ der Essentials bewege, schon ähnliche Züge aufwies.

Wir haben uns hier etwas ausführlicher mit DGS und Systemcrash beschäftigt. Wir werden das in Zukunft jedoch nicht weiter tun, weil sich das NAO (und wir) besser auf die eigentlichen Aufgaben besinnen sollten, die in den Beschlüssen von Hannover festgehalten sind: Programmatisches Manifest und Essentials; Neugestaltung der Website; Vorbereitung eines bundesweiten Kongresses im Frühjahr 2013, Entwicklung einer konkreten Praxis des NAO vor Ort und bundesweit.

Quelle:
Der Text wurde ursprünglich unter der Adresse http://www.nao-prozess.de/blog/fishermens-friend-eine-antwort-auf-dgs-und-systemcrash/ veröffentlicht; am 22.04.2016 war er noch im Google-Cache gespeichert, von woher er hierher übernommen wurde.

  1. S. jetzt: http://naoprozessdoku.blogsport.eu/2012/08/28/reader-zur-nao-sommerdebatte-2012/, S. 61 – 63. Anm. d. Red. []
  2. S. noch mal FN 1. Anm. d. Red. []

Ein Gedanke zu „Fishermen’s Friend – eine Antwort auf DGS und Systemcrash“

  1. Unter dem Artikel erschienen damals die folgenden sechs Kommentare:

    Michael Schilwa sagt:
    16. Oktober 2012 um 11:05
    Hey Fishermen,

    eine recht gelungene Anwort auf die beiden “Prachtkarpfen”, auch wenn ich ein wenig enttäuscht daüber bin, dass ihr mich gar nicht wegfischen wollt (bin eben nur eine
    “zentristische Sprotte”).

    Nicht folgen kann ich allerdings eurer Einschätzung des postautonomen Spektrums.
    Selbiges ist ja nun auch kein monolithischer Block, UG was anderes als 3A.
    Mal ganz allgemein:
    “Kleinbürgerlicher Radikalismus, der mit der Arbeiterbewegung nicht zu tun haben will”?
    Da seid ihr wohl ein wenig in den 1980-igern steckengeblieben.
    Viele (nicht alle) Postautonome zeichnen sich nach meiner Wahrnehmung doch gerade durch eine “Hinwendung zur Klasse” aus (eine Folge der Abwendung vom “Event-Hopping”
    – IWF angreifen, Schottern usw.).
    Viele Postautonome arbeiten in breiten Bündnissen konstruktiv auch mit Reformisten zusammen und haben auch keine Probleme mehr, “Forderungen an den Staat zu stellen” etc.
    “Anti-Deutsche” – in ihrer Hardcore-Form zweifellos ordinärer Pro-Imperialismus.
    Aber ich bin gemeinsam mit meinem SIB-Genossen Peter für eine Differenzierung zwischen
    “Anti-Deutsch” und “Anti-National”.
    “Wertkritik” – lest euch mal die Krisenbroschüre der Berliner Gruppe ARAB durch.
    Nix Wertkritik, vielmehr ganz dicht bei den Positionen der NAO-Gruppen.

    Martin Suchanek sagt:
    16. Oktober 2012 um 15:25
    Hallo Sprotte,

    kannst ja noch zum revolutionären Hecht werden.

    Aber jetzt zu Deinen Punkten bezüglich (post)autonomen Spektrum.

    Natürlich ist das in sich sehr differenziert und wir wollten keineswegs UG und A3-Bündnis gleichsetzen. Unsere hauptsächliche Kritik bezog sich auf das UG-Bündnis, das meiner Meinung nach dem NAO-prozess durchaus recht fern steht – oder jedenfalls dem, was die meisten GenossInnen als revolutionäre Politik (Theorie und Parxis) ansteben.

    Zweifellos steht das A3-Bündnis uns in etlichen Fragen näher – auch wenn hier gilt, dass auch eine sehr offene, kritische Auseinandersetzung gesucht werden muss, gerade was eine Tendenz zur unkritischen bis positiven Haltung zum Stalinismus resp. mit einigen seiner Ideologeme betrifft. Zweitens auch hinsichtlich eines Unverständnis von Übergangsforderungen – und mir fallen noch mehr ein wichtige Unterschiede ein. Sobald ich dazu Zeit habe, werde mir aber auch die von Dir genannte ARAB- Broschüre reinziehen.

    Ich bin aber voll und ganz damit einverstanden, dass wir mit diesem Spektrum in Diskussion treten sollen – inklusive dem Versuch, sie für den NAO-Prozess zu gewinnen. Ich habe hier ausdrücklich auch bezüglich des UG-Spektrums keine “Berührungsängste”, wenn auch wenig Hoffnung auf Überwindung grundlegender Differenzen. Wo sich (post)autonome GenossInnen in positive Richtung bewegen, bin ich sehr dafür, mit ihren Diskussion und gemeinsame Arbeit zu machen (was ich im übrigen schon seit etlichen Jahren tune).

    Ich bin aber auch der Überzeugung, dass letztlich ein wirklicher Bruch mit dem politisch-theoretischen System der Autonomen unterlässlich ist, um sie nicht nur für einzelne Versatzstücke des Marxismus zu gewinnen, sondern für eine genuin revolutionäre Arbeiterpolitik.

    Was nun den Vorwurf der “Kleinbürgerlichkeit” betrifft. Was das UG-Bündnis betrifft, so halte ich den Vorwurf, dass diese mit der Arbeiterbewegung nichts zu tun haben wollen, durchaus aufrecht.

    Was den kleinbürgerlichen Charakter autonomer Politik betrifft, so meine ich damit keine soziologische Zuschreibung. Mir ist natürlich bewusst, dass auch viele Autonome heute Lohnabhängige sind. Aber als politische Strömung haben sie meiner Meinung nach insofern einen kleinbürgerlichen Charaker, als sie zwischen reformistischer, d.h. letzlich bürgerlichen Politik und kommunistischer Politik stehen.

    (In dieser Hinsicht ist das durchaus eine Analogie zu Trotzkis Charakterisierung des Zentrimus als “kleinbürgerlich”. Damit hat er ja auch nicht gemeint, dass die Mitglieder zentristischer Gruppierungen alle Kleinbürger gewesen wären – insbesondere nicht, wenn es um zentristische Parteien wie USPD oder POUM ging.)

    Es ist daher kein Zufall, dass sich in der Politik und Theorie der autonomen recht oft unterschiedliche Traditionslinien verbinden, kombinieren, die es schwer machen den eigentlichen Kern autonomer Politik außerhalb eines Milieus/einer Szene überhaupt zu definieren. Nicht untypisch ist meiner Meinung nach jedoch das Nebeneinandersetzen von “ultra-revolutionären” mit durchaus reformistischen Vorstellungen (z.B. zu beobachten in diversen “Häuserkämpfen”).

    Vor einigen Jahren habe ich eine längere Auseinandersetzung mit autonomen Strömungen unter dem Titel “Das reformistische Schaf im autonomen Wolfspelz” (in Revolutionärer Marxismus Nr. 41, http://www.arbeitermacht.de/rm/rm41/autonomismus.htm) verfasst, in der ich die Auffassung der GAM ausführlicher darstelle.

    Sicher muss ein solcher Artikel aktualisiert werden, aber die grundlegenden Einschätzungen des “Milieus” und autonomer Ideologie teile ich bis heute.

    Hilton sagt:
    20. Oktober 2012 um 00:24
    Hallo Martin,

    Deine Polemik gegen das UG-Spektrum und gegen die offenbare Entschlossenheit mancher Genossen, auch in diesen Kreisen für den NaO-Prozess zu werben, wundert mich.

    Ich bin sehr verwundert über deine Einschätzung, dass dieses Spektrum für NaO nicht sonderlich interessant sei. Dafür kommt es natürlich drauf an, was man als NaO und als Zweck von NaO versteht. Und dafür kommt es auch drauf an, ob du mit deiner Beschreibung von UG richtig liegst. M.E. nach ist deine Beschreibung nicht von Kenntnis dieses Spektrums geprägt. Zudem wundert mich, dass hunderte junger engagierter Kommunistinnen/Marxistinnen nicht interessant sollen für einen Versuch der Bündelung revolutionärer Kräfte in der Bundesrepublik.

    Du schreibst in Bezug auf UG:

    “Ich bin aber auch der Überzeugung, dass letztlich ein wirklicher Bruch mit dem politisch-theoretischen System der Autonomen unterlässlich ist, um sie nicht nur für einzelne Versatzstücke des Marxismus zu gewinnen, sondern für eine genuin revolutionäre Arbeiterpolitik.”

    Meinst du mit “Versatzstücke des Marxismus” die marxsche Kritik der politischen Ökononie? Es stimmt, dass sich UG auf Marx bezieht und nicht auf “den Marxismus”. Das ist aber eine Frage der politischen Bewertung, die m.E. sinnvollerweise innerhalb von NaO diskutiert wird. Der Versuch eines revolutionären Zusammenschlusses, der sich nicht entschlossen an eine Menge Leute wenden will, die Das Kapital von Marx verdammt ernst nehmen, scheint mir von vornherein zum Sektierertum bestimmt.

    “Als grundlegende Differenzen fallen uns zu diesem [UG-] Spektrum gleich mehrere Dinge ein: die (vorsichtig formuliert) Nähe zu den Anti-Deutschen (die wir im übrigen als eine reaktionäre pro-imperialistische Strömung charakterisieren”

    UG hat nun wirklich nichts mit Pro-Imperialistischen Strömungen zu tun, das ist eine absurde Behautung. Für manche Antideutsche trifft das durchaus zu. Aber dass es in Teilen Berührungspunkte von UG mit Anti-Deutschen gibt und Teile der Anti-Deutschen wiederum durchaus als pro-imperialistisch gelten können, lässt nun wirklich nicht den Schluss zu, dass UG eine Nähe hätte zu pro-imperialistischen Positionen. Das ist so eine groteske Verzerrung der Positionen von UG, dass es fast keinen Kommentar wert wäre, wenn dieses eigenartige Bild von Anti-Nationalen bei NaO nicht ständig wieder aufgebaut würde.

    (Falls irgendjemand nicht mitbekommen hat, dass Anti-Nationale was anderes denken als Anti-Deutsche, den Verweise ich auf meinen Kommentar zum Beitrag “Diskussionsfragen an UG-Gruppen”: http://naoprozessdoku.blogsport.eu/2012/09/11/diskussionsfragen-an-ums-ganze-gruppen/#comment-18 [22. September 2012 um 00:19. / Link aktualisiert. Anm. d. Red.])

    Eine weitere “grundlegende Differenz” von NaO zum UG-Spektrum sei:

    “falsche Kritik des Kapitalismus im Gefolge der sog. „Wertkritiker“”

    Was ist es, was du an der Kapitalismus-Kritik von UG falsch findest? Dazu hast du gar nichts gesagt. Und ob das dann Konsens bei NaO ist, wäre ja noch zu fragen. Eine besondere Nähe zu Wertkritikern kann ich bei UG im Übrigen auch nicht erkennen, falls damit Gruppen wie Exit gemeint sein sollen.

    “Nicht untypisch ist meiner Meinung nach jedoch das Nebeneinandersetzen von “ultra-revolutionären” mit durchaus reformistischen Vorstellungen (z.B. zu beobachten in diversen “Häuserkämpfen”).”

    Vielleicht werden meine Einwände langsam langweilig, aber was hat denn UG mit Häuserkämpfen zu tun? Vielleicht wird es Zeit die Sammelkategorie “postautonomes Spektrum” mal aufzulösen, um nicht immer so eigenartige Zerrbilder zu verbreiten.

    Nebenbei könnte man dann gleich ein bisschen neugieriger und offener auf andere revolutionäre Spektren zuzugehen, damit das mit einem Zusammenschluss und letztlich einer Revolution irgendwann mal klappen kann. Sonst kann man ja gleich weitermachen in seinen kleinen Gruppen, dann muss man aber auch den NaO-Prozess gar nicht erst versuchen.

    —–

    Bronsteyn sagt:
    16. Oktober 2012 um 17:24

    Jede Gruppierung/politische Strömung will UnterstützerInnen gewinnen. Das ist natürlich umso mehr der Fall, wenn VertreterInnen unterschiedlicher Konzeptionen, unterschiedlicher programmatischer Positionen, unterschiedlicher Vorstellungen von Organisation aufeinanderprallen. Natürlich versucht in dieser Situation jede „Strömung“, möglichst viele AnhängerInnen für ihre Position zu gewinnen, möglichst viele zu überzeugen.

    – Ich stimme da grundsätzlich zu. Die Erfahrung sagt mir allerdings, dass das Gewinnen von Menschen als Unterstützer/inn/en einer politischen Gruppe meistens nur über eine vertrauensbildende Praxis läuft. Erst unter dieser Bedingung können programmatische Annäherungen überhaupt sinnvoll erfolgen. Ein rein akademisch-polemischer Diskussionsstil bringt da gar nichts.

    Das tun natürlich auch Systemcrash und DGS, die selbsternannten SachwalterInnen eines vorgeblich „revolutionären Flügels“.

    Nun, zumindestens von Systemcrash liegt mir folgende explizite Aussage vor:
    “Ich will niemanden gewinnen.”
    Das mag jede/r bewerten, wie er/sie es will, ich jedenfalls habe eine Bewertung dazu.

    Wir haben in unserer Vorlage zum NAO-Workshop auf der Sommerdebatte ausgeführt, mit wem und zu welchem Zweck wollen wir uns organisieren wollen. (http://www.nao-prozess.de/blog/workshop-a-2-mit-wem-und-zu-welchem-zweck-wollen-wir-uns-organisieren). Dabei haben wir zwei mögliche, positive Varianten der Entwicklung skizziert:
    a) Die Schaffung einer revolutionären Organisation, also einer Umgruppierung, an deren Ende ein gemeinsames revolutionäres Programm steht.
    b) Das NAO zieht ein größeres Spektrum an …

    Ich begrüsse in diesem Punkt den Realismus und Pragmatismus der GAM. Ja, beides wären positive Entwicklungen, auf die aber unterschiedlich reagiert werden müsste.

    Nie war es unser Ziel, dass eine „Übergangsorganisation“ als Dauerzustand oder Vorfeldstruktur entsteht. Aber wir lehnen es ab, die revolutionäre Organisation in der Form eines Ultimatums zu präsentieren. Uns ist bewusst, dass es dazu eines längeren Diskussionsprozesses bedarf…

    Ich stimme diesen Zeilen weitgehend zu. “Breite”, diffus “antikapitalistische” Parteien oder Organisationen sind – selbst nach Meinung derjenigen, die eine solche Orientierung präferieren – nur Übergangsorganisationen. Historische Beispiele: auch USPD und SAP waren solche Übergangsorganisationen.
    Es macht keinen Sinn, für eine Dauerhaftigkeit solcher Übergangsorganisationen einzutreten. Aber völlig sinnlos ist es auch, ihr Entstehen zu bekämpfen oder zu versuchen, mittels politischer Ultimaten ihre Enstehung zu verhindern versuchen.
    Auch ich lehne es entschieden ab, eine revolutionäre Organisation als Ultimatum zu präsentieren.
    Damit ist auch mein Verhältnis zu DGS und systemcrash hinreichend definiert.

    Um eine Chance zur Überwindung dieser Differenzen zu haben, muss dieser Prozess nicht nur auf allgemeine Grundsätze bezogen sein, sondern auch auf eine möglichst genaue Bestimmung und Entwicklung gemeinsamer Praxis.Um eine Chance zur Überwindung dieser Differenzen zu haben, muss dieser Prozess nicht nur auf allgemeine Grundsätze bezogen sein, sondern auch auf eine möglichst genaue Bestimmung und Entwicklung gemeinsamer Praxis.

    Ich stimme zu: ohne eine gemeinsame vertrauensbildende Praxis gibt es auch keine programmatische Annäherung. Dies liegt hauptsächlich im Charakter völlig praxisferner Diskussionen begründet.

    Die Vorstellung von DGS, dass zuerst Grundsätze/Essentials/Prinzipien zu klären seien und dann irgendwann eine Praxis daraus folgen würde, ist reiner Schematismus, der nicht funktionieren kann.

    Den stimme ich zu. Ich bin durchaus Befürworter von “Program first”, aber ich lehne einen entsprechenden Prozeß-Dogmatismus, so wie geschildert, genau so ab.
    Interessanterweise ist die Unterscheidung Theorie-Praxis von DGS begrifflich schon völlig aufgeweicht worden. Von einem sehr abgehobenen Standpunkt aus mag es Sinn machen, auch die Produktion von theoretischen Ergebnissen als Praxis zu definieren.
    Es führt aber auch dazu, die Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis (ganz poststrukturalistisch) zu dekonstruieren. Demnach wäre die Produktion “richtiger” theoretischer Positionen schon Praxis. Aber woran soll die Richtigkeit theoretischer Positionen gemessen werden, wenn nicht an der Praxis (und damit meine ich: ausgenommen die praktische Produktion theoretischer Erkenntnisse)?

    Die GAM hat recht. Der Schematismus kann nicht funktionieren und er funktioniert auch nicht.

    Deswegen bin ich auch bei diesem “linken Flügel” explizit nicht dabei, trotz hoher formaler Übereinstimmung in “theoretischen Positionen”.

    Warum? Weil die „Prinzipien“ oder Essentials nicht nur in ihrer Allgemeinheit festgehalten werden müssen, sondern, um eine wirkliche politische Einheit zu ergeben, auch auf ihre praktische Anwendung hin konkretisiert werden müssen.

    Ganz genau. Die Erfahrung der japanischen Genossen der JRCL, die einzig bedeutende Organisation links von der KP Japans, bestätigt mir das auch.

    Diese Beschreibung geht über eine allgemeine Anerkennung, dass sich Menschen gewerkschaftlich organisieren sollen, nicht hinaus. Sie beinhaltet überhaupt keine politische Ausrichtung des NAO, sondern reiht nur aneinander, was die im NAO diskutierenden Gruppierungen ohnedies schon denken und tun.

    Auch dem kann ich voll zustimmen. Ich habe eine entsprechende Linie zur Diskussion vorgeschlagen:

    Konkret sollten alle Gruppen des NAO in Absprache in der Gewerkschaftslinken arbeiten, und Gruppen aufbauen, die obige Zielsetzung verfolgen. Dazu müssten sie sich auch – so weit möglich – auf gemeinsame Politik, gemeinsame Vorschläge und Forderungen (das inkludiert natürlich auch Tagesforderungen) verständigen. Außerdem müssten sie dann auch bestimmen, wie sich diese GenossInnen (wie sich das NAO) gegenüber der Gewerkschaftsführung, gegenüber Betriebsräten usw. verhält, welche Taktik es einschlägt. Ohne sich darüber zu verständigen, bleibt jede BuG-Arbeit unbestimmt und ineffizient.

    Auch dem stimme ich zu.

    Welche Einheit?

    Daraus ist ersichtlich, dass wir keineswegs davon ausgehen, dass jene, die auf einzelne Essentials schwören, notwendigerweise die geeignetsten AnsprechpartnerInnen, das geeignetste Milieu für eine Umgruppierung und die Schaffung einer größeren anti-kapitalistisch-revolutionären Organisation sind.

    Um es konkret auszusprechen: wer von sich selbst aussagt, er wolle niemanden gewinnen, sondern nur irgendwelchen Zentristen eins draufgeben, ist für mich kein geeigneter Ansprechpartner für eine Umgruppierung.

    DGS und Systemcrash vertreten hier eine grundsätzlich andere Konzeption. Für sie ist der Aufbau im Wesentlichen eine Sammlung eines bestimmten politischen Spektrums, nämlich jenes, das sich als revolutionär proklamiert.

    Das ist leider wahr.

    Es ist in diesem Zusammenhang kein Wunder, dass DGS mit der „revolutionären Orientierung“ die Ausrichtung auf ein ganz bestimmtes Spektrum der radikalen Linken in Deutschland meint…
    Wir halten eine bevorzugte Orientierung auf diese Spektren für fragwürdig, ja politisch falsch.

    Ich lese hier sehr genau: bevorzugte Orientierung
    Ja, das halte ich auch für falsch.

    Was die autonomen Bündnisse UG usw angeht, so habe ich aber noch keine wirkliche Einschätzung. Aber diese Tatsache reicht mir einstweilen völlig, um eine bevorzugte Orientierung abzulehnen.

    DGS verfolgt ihre „Einheit der Revolutionäre“ mit Konsequenz. Sie verheimlicht immerhin nicht, dass es ihr dabei um ein ganz bestimmtes Spektrum geht.
    Das stand und steht auch hinter den Debatten um „Essentials“ und den „NAO-Charakter“; das drückt sich auch in der Diskussion am KO-Treffen aus, als DGS allen Ernstes Vorbehalte dagegen hatte, dass das NAO offen sein solle für AntikapitalistInnen, die sich über die genauen Methoden der Systemüberwindung noch nicht klar sind.
    Praktisch hieße das nichts anderes, als den Ausschluss von klassenkämpferischen ArbeiterInnen, die sich von den reformistischen Organisation wegbewegen, in Konflikt zur Gewerkschaftsbürokratie geraten und sich nach links bewegen. Nur doktrinäre KleinbürgerInnen können es ablehnen, sich ernsthaft mit solchen Kräften zu befassen. Das Beharren auf einer sog. „revolutionären NAO“ – ohne dass die Inhalte schon geklärt sind – ist hier nur eine Ausrede dafür, sich nicht auf die ArbeiterInnenklasse zu orientieren, auf deren Kämpfe, Aktionen, Kampagnen. Anscheinend fürchten diese „Radikalen“, dass der Beitritt noch nicht bewusst revolutionärer ArbeiterInnen in die NAO gleich den ganzen Charakter des Projekts ändern würde, weil es ihnen an einer politischen Konzeption mangelt, wie diese politisch organisiert und weiter gebracht werden können.

    Ich muss auch in diesem Ansatz der GAM völlig recht geben. Es ist auch wahr, wie sie vermuten, dass diese “Radikalen” fürchten, dass der Beitritt noch nicht bewusst revolutionärer ArbeiterInnen in die NAO den Charakter des Projektes ändern würde.
    Wer überhaupt niemanden für irgendetwas gewinnen will, der weiß natürlich auch, dass er niemanden gewinnen KANN. Wer keine agitatorische oder propagandistische Linie zur Gewinnung von Revolutionären hat, der muss natürlich jeden Menschen, der nicht mit Lippenbekenntnissen nach der Zerschlagung des bürgerlichen Staates ruft, als möglichen gefährlichen Zersetzer ansehen.
    Die GAM sagt es so: es mangelt offensichtlich an einer politischen Konzeption, wie diese (nicht bewusst revolutionäre aber klassenkämpferische ArbeiterInnen) politisch organisiert und weiter gebracht werden.
    Nun, das ist offensichtlich einfach wahr.

    Eine solche Anziehungskraft wird die NAO aber nie erlangen, wenn es nur ein Debattierclub über Essentials ist. Vielmehr muss es sich auch praktischen Aufgaben stellen, um Ziele, Methoden und Inhalt politischer Intervention im Klassenkampf (zu Beginn jedenfalls in einigen Feldern) aufzuarbeiten und gemeinsam zu handeln (respektive um zu überprüfen, ob sich die NAO darüber wirklich verständigen kann).

    Ja. Das Fehlen einer gemeinsamen vertrauensbildenden Praxis ist in der NAO tatsächlich nicht gegeben, sogar noch nicht einmal innerhalb der SIB (für die die Intervention als Moderator in den NAO-Prozeß derzeit die einzige kollektive Praxis darstellt).

    Es ist dieses zukünftige Programm, die zukünftige Praxis, auf deren Grundlage neue GenossInnen zum NAO gewonnen werden sollen.
    Solange es diese aber nicht gibt, halten aber wirklich nichts davon, schon über „Mitgliedskriterien“ im NAO zu debattieren. Eine solche Festlegung über das allgemeine Bekenntnis zu den „Essentials“ hinaus macht überhaupt keinen Sinn, solange es noch nicht einmal ein programmatisches Manifest gibt.

    Auch dieser Einschätzung stimme ich zu.

    Obwohl ich gegenüber der GAM als Gruppe konkreter Personen große Vorbehalte habe, sah ich mich verpflichtet, diesen positiven Kommentar zu schreiben, weil es Übereinstimmung gibt mit grundlegenden Prämissen, denen ich mich verpflichtet fühle.

    Bronsteyn sagt:
    17. Oktober 2012 um 00:18
    Korrektur:

    Das Fehlen einer gemeinsamen vertrauensbildenden Praxis ist in der NAO tatsächlich nicht gegeben, sogar noch nicht einmal innerhalb der SIB (für die die Intervention als Moderator in den NAO-Prozeß derzeit die einzige kollektive Praxis darstellt).

    muss natürlich heissen:

    Das Fehlen einer gemeinsamen vertrauensbildenden Praxis ist in der NAO tatsächlich gegeben, sogar innerhalb der SIB (für die die Intervention als Moderator in den NAO-Prozeß derzeit die einzige kollektive Praxis darstellt).

    Bitte um Entschuldigung, war zu eilig geschrieben.

    —–

    DGS_TaP sagt:
    20. Oktober 2012 um 10:38
    systemcrash und ich haben eine Antwort geschrieben – und wegen ihrer Ausführlichkeit als separaten Artikel gepostet:

    http://naoprozessdoku.blogsport.eu/2012/10/20/panta-rhei-alles-fliesst-ueber-flussfischerei/ [Link aktualisiert. Anm. d. Red.]

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