Welche NaO? oder – Was sollten wir in und mit dem NaO-Prozess anstreben?

Vorbemerkung: Zurzeit wird von VertreterInnen der am NaO-Prozess beteiligten Organisationen vor allem via Mail-Verteiler über den „revolutionären Bruch“, die Charakterisierung von „antikapitalistisch“ versus „revolutionär“ usw. diskutiert. Das meiste von den hektisch dargelegten Positionierungen, Anwürfen, Verdächtigungen usw. wird uns nicht weiterbringen, unter anderem auch, weil die Flut der täglichen Mails uns von unserer politischen Arbeit vor Ort abzuhalten droht. Mensch muss nicht alles und jede Kurz-Mail kommentieren, nur aus Angst, die anderen könnten das eigene Schweigen als Zustimmung zu einer vermeintlich falschen Position interpretieren.
Unser Beitrag ist nur in unserem eigenen Namen geschrieben, entspricht aber in der generellen Linie der allgemeinen Positionierung des RSB in den hier aufgeworfenen Fragen, als da sind: Was ist der anzustrebende Charakter der NaO? Was können wir, was sollten wir als revolutionär bezeichnen? An wen richtet sich unser Projekt? Was können und was sollten die nächsten Schritte sein?

1. Wo steht die Linke in Deutschland und wo stehen wir in dieser Linken?

Es besteht sicherlich keine Differenz in der Bewertung des insgesamt sehr niedrigen Klassenkampfniveaus in der BRD, jedenfalls verglichen mit den Kämpfen, über die sich unsere „KlassikerInnen“ extensiv ausgelassen haben, und die bewusst oder unbewusst bei vielen unserer politischen Bewertungen als Maßstab mitschwingen. Das wird sich auch bei der zu erwartenden (bzw. auch zu befürchtenden) Zuspitzung der Krise nicht so schnell ändern. Schauen wir nämlich nach Griechenland, dann müssen wir bei nüchterner Betrachtung feststellen, dass selbst dort – also nach mindestens 3 Jahren verschärfter Krise – keine größere revolutionäre Strömung auf der Matte steht. Der Prozess der Rekonstruktion revolutionärer klassenkämpferischer, wirklich sozialistischer (oder auch anarchistischer) Strömungen, die im Klassenkampf ein gewisses Gewicht haben, ist offenbar sehr komplex, langwierig und nicht am grünen Tisch zu beschließen oder umzusetzen.
Andererseits sollte für uns alle klar sein – und das war auch der Ausgangspunkt für das „Na endlich“-Papier –, dass es nicht egal ist, ob sich demnächst ein Kern für den Aufbau einer authentisch revolutionären Kraft herausbildet oder nicht. Wenn es diese Ansätze (genauer: einen wahrnehmbaren Ansatz) nicht gibt, kann sich an ihm auch nichts kristallisieren, sich nichts sammeln und neuen Schwung nehmen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wird es einen der Radikalisierung und der politischen Reifung geben, der die neu von der Krise erfassten Menschen immer weiter nach links führt? Müssen wir da nur etwas „nachhelfen“ (mit guten „Ratschlägen“) und uns nur einfach dort einfinden, wo die Massen kämpfen (was sie übrigens im Normalfall meistens nicht tun)?

Die gesamte geschichtliche Erfahrung wie auch unsere eigene beschränkte persönliche Erfahrung lehrt uns, dass es keinen Automatismus gibt, der die Menschen – selbst dann wenn sie sich zum Kämpfen aufraffen – dazu bewegt, kontinuierlich immer linkere Positionen einzunehmen und früher oder später bereit zu sein, die Kapitalherrschaft und den bürgerlichen Staat – via „revolutionärem Bruch“ – zu stürzen. Zu den bitteren Erfahrungen des Reformismus, der sich den Menschen fast „naturwüchsig“ andient, haben wir unsere Positionierung an anderer Stelle dargelegt (u. a. in der Antwort auf Manuel „Die Haltung der NaO zum Reformismus – Eine Erwiderung auf den Beitrag des Genossen Manuel Kellner“, Jakob, 18.4.2012, u.a. hier: http://www.trend.infopartisan.net/trd5612/t325612.html). Auch wenn wir Etiketten ablehnen und sie für die politischen Klärungen in der Regel nicht für hilfreich erachten: Wir sind – wer hat das nicht vermutet? – mindestens in dieser Frage überzeugte „LeninistInnen“.
Mit anderen Worten: Auch dann, wenn sich in der BRD die Kämpfe zuspitzen werden, ist das Reinrennen in Sackgassen alles andere als unwahrscheinlich, jedenfalls dann, wenn ein revolutionäres Programm nicht größere AnhängerInnenschaft gewinnt. Das kann es aber nur, wenn es eine organisierte Kraft gibt, die in der Klasse und in den Kämpfen verankert ist. Für die gemeinsame, solidarische Schaffung eines solchen Kerns haben wir uns im NaO-Prozess engagiert und hoffen, dass wir mit dem bisher Gesagten auf eine breitere Zustimmung stoßen.
Wir wollen an dieser Stelle kurz anmerken, dass es nicht darum gehen darf, dass die eine oder andere Gruppe in diesem NaO-Prozess nur mitmacht, um dort für ihre spezifische Organisation oder Sekte zu fischen! Wer eine später zu gründende NaO ohne Rückfahrschein nicht wirklich will, sollte sich fernhalten.
Die Sackgassen des Reformismus1 sollen hier nur an zwei Fragen kurz benannt werden, ohne sie inhaltlich groß auszuführen:

  1. Auch wenn die Wahlbeteiligung heute zurückgeht: Der parlamentarischen Weg als Lösung der Krise (über die Abwahl der „korrupten PolitikerInnen“ und die Wahl einer neuen Partei, und seien es die Piraten oder sonstige „Unverbrauchten“) ist sehr tief im Bewusstsein der Menschen als die einzig vorstellbare Möglichkeit für einen „Politikwechsel“ verankert. Selbst in Griechenland (und dort herrscht eine andere Empörung als bei uns!) sind die Menschen heute nur zu einem winzigen Bruchteil auf eine nicht-parlamentarische Lösung eingestellt. Von der „Politikmüdigkeit“ (bzw. einfach nur der Wahlenthaltung, die übrigens ganz schnell wieder umgedreht werden kann) bis zu einem Setzen auf Gegenmachtorgane von unten ist es ein sehr weiter Weg. Er setzt Kämpfe voraus er wird nur bestritten werden, wenn die Menschen in den Kämpfen auch mal Erfolge erzielen, also ihre Entmutigung überwinden, Vertrauen in die eigene Kraft gewinnen, d. h. in die Kraft des organisierten Widerstands. Wenn der Widerstand gegen die Abwälzung der Krisenlasten hier keine Fortschritte macht, werden sich die Menschen immer wieder im Kreis drehen, oder in eine Sackgasse laufen, wobei – auch das zeigt Griechenland – mittelfristig sogar die Gefahr eines reaktionären Putsches oder einer faschistischen Bedrohung wächst. Fabrikkomitees von Belegschaften, die die Öffnung der Bücher verlangen oder die zur Besetzung des Betriebs bereit sind – also weg von der verrechtlichten Form betrieblicher und gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen – müssen zu Massenphänomenen werden, wenn ein revolutionäres Programm wirklich eine Chance haben soll, breiter verankert zu werden.
  1. Welche Wirtschaft streben wir an? Dass Privatisierungen abgelehnt werden reicht in keiner Weise, um ein anderes, ein nicht-kapitalistisches Wirtschaftsmodell durchzusetzen. Auch hier dominieren in linken Kreisen Vorstellungen, die letztlich den Kapitalismus gerade nicht infrage stellen: „sozialistische Marktwirtschaft“ usw. Die Vorstellung von einer bedürfnisorientierten, nicht Waren produzierenden Gesellschaftsordnung ist selbst in linken Kreisen kaum verbreitet. Planwirtschaft wird mit Misswirtschaft, Diktatur, Ineffizienz, fehlender Demokratie usw. gleichgesetzt. Dieser Mangel wird auch nicht von einer Partei (hier der PdL) behoben werden, die selbst auf (sozialistische) Marktwirtschaft setzt, die also nicht auf Rätedemokratie und demokratische Planwirtschaft setzt. Die PdL wird – weil sie letztlich auf das vorhandene System (und den Parlamentarismus) fixiert bleibt – ihre eigene Widersprüchlichkeit nicht beseitigen können. Sie ist damit aber nicht allein. Ihre Haltung ist symptomatisch für den „naturwüchsigen“ Reformismus. Er ist mit dem revolutionären Bruch unvereinbar.

An all diesen Punkten (parlamentarische Illusionen, Verrechtlichung betrieblicher und gewerkschaftlicher Kämpfe, welche Visionen einer alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung propagieren wir…) – ohne damit zu postulieren, dass wir heute schon alle Fragen geklärt hätten – haben wir als revolutionäre Linke in Deutschland noch gewaltig viel vor, wenn wir auch nur annähernd das umsetzen wollen, was Gramsci so am Herzen lag: die politisch-ideologische Hegemonie in der Klasse der Ausgebeuteten und Unterdrückten zu erobern.

Aus diesen Gründen können wir nicht einfach nur den linken Ratgeber für reformistische Kräfte abgeben, denn wir wollen uns nicht im Kreis drehen. Wir treten für ein Programm ein und wir verfolgen eine Strategie. Deswegen ist es unerlässlich, dass wir für klare Positionen kämpfen. Das Setzen auf einen Automatismus oder auf ein strategisches Zusammengehen von RevolutionärInnen und ReformistInnen verschließt bewusst die Augen vor der Realität. Syriza beispielsweise hat vergleichsweise viele WählerInnenstimmen bekommen. Daraus ist aber kein neuer revolutionärer Elan entstanden oder gefördert worden, der den Kampf für eine andere Gesellschaftsordnung erkennbar vorangebracht hätte.
Vor diesem Hintergrund halten wir fest: Die eigenständige Organisierung der RevolutionärInnen ist für uns unverzichtbar, selbst dann, wenn sich die zu bildende gemeinsame revolutionäre Organisation für ein Mitarbeit in einer breiteren Formation entscheidet (wir kommen darauf zurück).

2. Zu den „Abgrenzungen“

Daraus darf aber nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass alle Menschen von vornherein einsortiert sind, oder gar, dass wir sie (quasi von uns aus) einsortieren könnten. Erst recht dürfen wir nicht unbewusst der defätistischen Haltung nachgeben, dass sich die Positionen der Menschen nicht verändern könnten. Im Gegenteil: Gerade weil wir von der Kraft der Argumente und der möglichen positiven Verarbeitung der im Klassenkampf gemachten Erfahrungen ausgehen, sind wir sehr wohl offen für eine Zusammenarbeit mit allen Kräfte, die sich gegen die Abwälzung der Krisenlasten auf die ArbeiterInnenklasse (im breiten Sinne) wenden. Wir können uns also sehr gut vorstellen – und es ist sogar in einem gewissen Umfang wünschenswert – dass auch innerhalb des NaO-Prozesses Menschen mitmachen, für die der berühmte „revolutionäre Bruch“ etwas sehr Unklares ist, dass also Menschen mitmachen, die sich erst mal „nur als linke AntikapitalistInnen“ verstehen.
Warum sagen wir „in einem gewissen Umfang“? Wir betonen dies aus demselben Grund, aus dem wir die Mitarbeit von reformistischen Organisationen im NaO-Prozess ablehnen. Der Charakter des NaO-Prozesses als eines revolutionären Projektes (dessen Notwendigkeit wir oben kurz umrissen haben) darf nicht zur Disposition stehen! Deswegen halten wir den von der NaO-Koordination in Hannover gefassten Beschluss für richtig.2) Reformistische Organisationen verhalten sich – zumindest in nicht-revolutionären Zeiten – völlig anders als Individuen. Organisationen haben ihr politisch strategisches Eigenleben und werden, nur weil sie zufällig mal mit RevolutionärInnen zusammenarbeiten, nicht einfach ihre grundsätzliche Ausrichtung verändern.

Für den NaO-Prozess braucht es eine politisch programmatische Abklärung. Heute liegen wir in einigen Fragen noch sehr weit von einander entfernt (Wer ist das revolutionäre Subjekt? Mit welchem Programm treten wir an GewerkschafterInnen heran usw.), so dass noch eine Menge Arbeit vor uns liegt und wir auf absehbare Zeit nur ein Organisationenbündnis bilden können.

Aber dieser Klärungsprozess wird nicht nur am grünen Tisch laufen können (und schon gar nicht über den Weg kurzatmig ausgetauschter Mails), sondern nur über die gleichzeitige Diskussion politisch programmatischer Positionen und wenigstens in Ansätzen eine gemeinsame Praxis.
Politisch-programmatisch: Wenn wir die oben kurz angedeuteten grundlegenden strategischen Positionen in sich schlüssig vermitteln, dann ergibt sich daraus: Die heute Unterdrückten und Ausgebeuteten müssen nicht nur eine vollkommen andere Wirtschaft aufbauen (bedürfnisorientiert, nicht warenförmige Güter- und Dienstleistungsproduktion). Sie müssen ihre Interessen auch in einer völlig anderen Struktur der Machtausübung der Verwaltung durchsetzen und absichern. Wir können uns dazu – wenn es wirklich demokratisch sein soll – nur eine Rätestruktur vorstellen. Der Gewaltapparat bürgerlicher Herrschaft muss durch Machtorgane von unten ersetzt werden.

Aus der Komplexität dieser ganzen Prozesse ergibt sich aber, dass wir schwerlich mit der Verwendung eines einzelnen Begriffs (Ersetzen oder Zerschlagung oder …) wirklich etwas abklären können.3 Für die überschaubare Zukunft kommt es für uns (den NaO-Prozess) darauf an, sicherzustellen, dass in der BRD eine wahrnehmbare Kraft entsteht, die einigermaßen konsistent für die oben kurz umrissene strategische Orientierung eintritt. Also die Herausbildung einer Kraft, die in der Klasse und in den Kämpfen verankert ist und dabei gegen die Verrechtlichung betrieblicher und gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen auftritt; die konsequent nicht auf parlamentarische Lösungen setzt; die eine Vision einer alternativen Wirtschaft propagiert; und die dabei auf die eigenständige Organisierung der RevolutionärInnen setzt (aufgepasst: Wir haben hier bewusst kein revolutionäres Programm zusammengefasst; das wäre Gegenstand eines gesonderten Textes und auch die Strategie wollten wir hier nur so weit anreißen, dass der Unterschied zu reformistischen Projekten deutlich wird; dies ist also erschöpfend dargelegt). Selbstredend: Organisationen verdienen die Charakterisierung als revolutionär nur, wenn sie nicht nur ein entsprechendes Programm haben, sondern auch real im Klassenkampf involviert sind und dort eine positive Rolle spielen.

3. Auf dem Weg zur revolutionären Organisation

Wann wir in der BRD soweit sein werden, dass sich die Bildung einer neuen Organisation stellt, wissen wir heute nicht. Auf dem Weg dorthin streben wir (das ist sicher Gemeingut innerhalb des NaO-Prozesses) ein Organisationenbündnis an, nicht programmatisch aber organisatorisch vergleichbar mit dem Antarsya-Modell in Griechenland (so sinngemäß M. Schilwa).
Wir betonen es deswegen, weil wir als RSB uns sehr wohl eine größere gemeinsame revolutionäre Organisation wünschen, aber wir sehen gegenwärtig zu große Differenzen zwischen den einzelnen beteiligten Organisationen und Gruppen. Wir betrachten alle bisher beteiligten Gruppen als revolutionär, aber die strategischen Vorstellungen weichen zum Teil sehr erheblich von einander ab. Nur zwei Beispiele:
Die isl sieht nur wenige (oder gar keine) grundsätzlichen Differenzen zwischen revolutionären und reformistischen Organisationen (so musste der oben erwähnte Beitrag von Manuel verstanden werden) und will – einigermaßen folgerichtig – schon in der heutigen Phase antikapitalistische Organisationen (die wir nach NaO-Kriterien als „nicht-revolutionär“ bezeichnen würden) in den NaO-Prozess integrieren. Mal abgesehen davon, dass man für einen solchen Vorschlag auch Ross und Reiter nennen müsste (!!): Dies würde u. E. den Aufbau der Kraft, auf die es in nächster Zeit ankommt, gewaltig erschweren. (Es würde zu endlosen internen Debatten über den „revolutionären Bruch“ führen, wir hätten nicht endende Debatten über Regierungsbeteiligungen usw.)
Zweites Beispiel: Für uns ist die Akteurin, die den Kapitalismus überwinden kann, die ArbeiterInnenklasse in ihrem weit gefassten Sinn. Dabei orientieren wir uns an der revolutionär-marxistischen Definition: Dazu gehören alle, die für ihren Lebensunterhalt auf den Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft angewiesen sind, bzw. von den entsprechenden Familienangehörigen abhängig sind oder in der einen oder anderen Form Transferzahlungen erhalten (bzw. gar nichts regelmäßig bekommen und unterhalb des Existenzminimums dahinvegetieren). Mit anderen Worten: Wir sehen die ArbeiterInnenklasse als Ganzes, versuchen die Gemeinsamkeiten deutlich zu machen und auf gemeinsame Kämpfe zu orientieren. Bei den Interkoms sieht die Definition des revolutionären Subjekts etwas anders aus, demzufolge auch die strategische Bestimmung der mittelfristigen und längerfristigen Ziele. Hier haben wir im Rahmen des NaO-Prozesses zumindest Diskussions- und Klärungsbedarf, wobei wir betonen möchten, dass wir nicht beanspruchen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wenn wir über die diversen strategischen und programmatischen Fragen strukturiert (also nicht nur mit kurzatmigen Mails) diskutieren (die Sommerdebatte war hier mustergültig), dann können sicherlich alle einen Gewinn daraus ziehen. Zu lange haben wir – kommunikationslos! – nebeneinander her existiert. Aber wir haben – bevor längerfristig eine gemeinsame Organisation angesteuert werden kann – eine beachtliche Wegstrecke der gemeinsamen strategischen wie auch programmatischen Diskussion zurückzulegen.

Schließlich ist es uns wichtig noch mal Folgendes zu betonen: Alle Diskussionen (ob auf Seminaren, per Textaustausch, via Mail-Verkehr oder sonst wie) werden auf Sand gebaut bleiben, wenn es uns nicht gelingt, mittelfristig ansatzweise eine gemeinsame Praxis zu entwickeln. Nur wenn wir uns in heute anstehenden Fragen auf gemeinsame Vorgehensweisen – und eine gemeinsame Sprache – verständigen (dem Antarsya-Bündnis gelingt dies), werden wir sehen können, ob wir überhaupt mit einem vergleichbaren Anliegen, mit ähnlicher Motivation und vor allem mit vergleichbaren taktischen Vorstellungen auf die aktuellen Herausforderungen reagieren. Dies muss sich selbstredend nicht auf alle Politikfelder erstrecken. Aber wenigsten in der Analyse der aktuellen zentralen Herausforderungen, die sich den RevolutionärInnen stellen, müssen wir halbwegs kompatible Vorstellungen haben und mit ähnlichen Positionen zu antworten versuchen. Erst wenn ein auf diese Weise funktionierendes Organisationenbündnis eine gewisse Weile real funktioniert hat, und wir uns hier wirklich näher gekommen sein werden, kann sich die Bildung einer gemeinsamen Organisation stellen (was wir von uns aus jedenfalls anstreben).

4. Mit wem und wie näher zusammenkommen?

Im Rahmen unseres Formierungsprozesses als Bündnis revolutionärer Kräfte (die ein revolutionäres Projekt verfolgen!) fänden wir – von unsrer Seite aus, es sehr positiv, wenn es uns gelänge, auch solche Kräfte für diesen Prozess zu gewinnen, deren Vorstellungen des Übergangs vom Kapitalismus zu einer klassenlosen Gesellschaft noch nicht so klar sind. Das wird aber nur gelingen, wenn wir unsere revolutionäre Haltung nicht verstecken, sondern offen dafür argumentieren. Wir verfolgen dabei die Hoffnung, solche Menschen zu überzeugen, mit uns zusammen eine revolutionäre Kraft aufzubauen. Die Breite der NaO würde sich dann darin ausdrücken, dass wir verschiedene revolutionäre Organisationen/Strömungen einladen, sich an unserem Prozess zu beteiligen aber auch offen gegenüber einer Mitarbeit von Individuen sind, die noch keine klare Vorstellung von der Frage der Transformation haben. Die Diskrepanz, dass wir uns in unserem programmatischen Manifest klar zum revolutionären Bruch bekennen (und diesen perspektivisch auch immer konkreter unterfüttern) müssen dann alle Beteiligten aushalten.
Der revolutionäre Charakter der NaO kann nur bewahrt bleiben, wenn wir unseren eigenen revolutionären Anspruch klar haben und uns auf diesen verständigen; wenn wir weiterhin diskutieren, was für uns die Bedeutung unserer Essentials ausmacht und wir an der Konkretisierung unseres Programms arbeiten. Aber vor allem verlangt es von uns eine revolutionäre Praxis. Erst die Einigung darüber, wie wir konkret in die Klassenkämpfe eingreifen und wie wir uns zur Politik der Gewerkschaftsführungen stellen, mit welcher Stoßrichtung wir bei Demos intervenieren, wie wir uns in feministische oder antirassistische Aktionen einbringen usw. entscheidet darüber, welchen Weg die NaO einschlägt. Denn dabei geht es um die Frage, wie die eigene revolutionäre Haltung in die Tagespolitik übersetzt wird (und darauf wird es den meisten unentschiedenen Individuen ankommen). Also grob, wie wir das oben schon formuliert haben: auf kämpferische, konsequent geführte Auseinandersetzung hinwirken, darauf bedacht sein, dass die KollegInnen auch mal die Erfahrung von Erfolgen machen, Kämpfe zusammenzuführen und an ein paar Stellen die eigene alternative Vision der Gesellschaft eben nicht verschweigen usw. – soweit das mit unseren bescheidenen Mitteln halt möglich ist.

Sind wir – in einer späteren Phase – mehr als ein Bündnis revolutionärer Organisationen (das nur über ein begrenztes Maß an strategischer und programmatischer Vereinheitlichung verfügt), und sind wir tatsächlich eine für breitere Kreise wahrnehmbare und gefestigte revolutionäre Kraft (also eine Organisation und kein Bündnis mehr), erst dann stellt sich gegebenenfalls die Frage einer breiteren politischen Formation auch mit reformistischen Kräften, in der wir als revolutionäre Organisation unseren NaO-Zusammenhalt bewahren müssen und in der wir uns nicht einfach auflösen würden. Aber das ist Schnee von überübermorgen!

Für die absehbare Zukunft lehnen wir jedenfalls ein Zusammengehen mit reformistischen Kräften ab und denken, dass dazu beim Koordinierungstreffen in Hannover die richtigen Beschlüsse gefasst wurden.
Das für das anzustrebende Organisationenbündnis erforderliche Zusammenwachsen muss im nächsten Jahr über eine strukturierte (!) inhaltliche Diskussion vermehrte Absprachen für gemeinsame Aktivitäten vorangebracht werden. Hier wird der Kongress zur Diskussion und Verabschiedung eines „programmatischen Manifests“ nicht ausreichen. Der Blog ist ebenfalls eine ungeeignete Kommunikationsform, weil viel zu unübersichtlich und zu hektisch strukturiert. Wir schlagen stattdessen eine andere Ebene vor: Zu vorher gemeinsam festgelegten Themenkomplexen wird ein monatlich (oder zweimonatlich) erscheinender „interner“ Rundbrief erstellt, zu der die verschiedenen Seiten jeweils ihre Position darlegen. Dazu wird eine Zeichenbegrenzung festgelegt und alle sind aufgefordert, sich so weit es geht auch auf einander zu beziehen, damit es zu einer echten, strukturierten Diskussion kommt. Der Begriff „intern“ soll nur andeuten, dass es dabei um die Diskussion innerhalb des (zu bildenden) Organisationenbündnisses geht. Wirklich intern soll es nicht sein, sondern dazu kann und sollte sehr wohl auf der Website eine eigene Rubrik eingerichtet werden, in der diese Beiträge – auch für Außenstehende einsehbar – eingestellt sind. Der nächste Koordinierungstreff könnte sich auf dieses Vorgehen verständigen und dann gegebenenfalls die Themen festlegen, die beispielsweise für das erste Halbjahr 2013 zur Debatte stehen sollen. Mehr als 2 höchsten 3 Themenkomplexe gleichzeitig sollten es nicht sein. Beiträge sollten unsres Erachtens nicht länger sein als allerhöchstens (!) 20 000 Zeichen (also ca. 5-6 normale DIN-A 4 Seiten). Jede Gruppe kann dann auch nur eine bestimmte Anzahl von Texten für diese Debatte einreichen. Wenn zu viele Texte reingeworfen werden, wird die Sache extrem undemokratisch, weil sie dann nur von den Menschen verfolgt werden kann, die über sehr viel Zeit verfügen. Dieses Verfahren zwänge dazu, die Sachen auf den Punkt zu bringen und könnte uns allen helfen, herauszufinden, wo wir Klärungsbedarf haben, wo es Missverständnisse gibt usw.
Diesen Vorschlag für die Erstellung eines Rundbriefs stellen wir hiermit als Antrag für das nächste Koordinierungstreffen (12. Januar in Berlin).

5. Welches „Publikum“?

Die bisherigen Diskussionen über unsere Flyer litten darunter, dass das jeweils anvisierte „Publikum“ nicht bestimmt war. Dadurch war der jeweilige Charakter mehr als unklar. Wir müssen uns darauf einrichten, dass wir Publikationen für unterschiedliche Zielgruppen erstellen, sonst versuchen wir die Quadratur des Kreises.
Es empfiehlt sich zu unterscheiden zwischen:

  • Texten zur eigenen Verständigung, selbst dann, wenn diese Texte auch öffentlich gemacht werden;
  • Texten, die sich an revolutionäre Gruppen oder Individuen richten
  • Texten, die sich an ein bestimmtes Publikum aus der „normalen“ Bevölkerung richten, das aber auch wiederum sehr unterschiedlich sein kann:
    • Ein Flyer auf einer „Umfairteilen-Demo“ kann anders aufgebaut sein, als ein Flyer für den Durchschnittsbürger auf der Straße (z. B. am Rande einer Demo)
    • Ein Flyer für gewerkschaftliches Publikum ist anders zu verfassen als eine Einladung zu einem Treffen revolutionärer Organisationen usw.

Linus, Jakob, 13.10.2012

Quelle:
Eine rtf-Datei der Autoren vom 22.10.2012; der Text wurde seinerzeit unter der URL http://www.nao-prozess.de/blog/welche-nao-oder-was-sollten-wir-in-und-mit-dem-nao-prozess-anstreben/ veröffentlicht.

  1. Wir finden den Streit um Begriffe wenig fruchtbringend. Daher sprechen wir hier bewusst nicht von „antikapitalistisch“. Denn dieser Begriff ist von „reformistisch“ unserer Meinung nach zu wenig trennscharf abzugrenzen. []
  2. „Wir gehen nicht auf reformistische Organisationen zu, um sie für das NaO-Bündnis zu gewinnen. Wir laden aber sehr wohl AntikapitalistInnen ein, die sich noch nicht über die Methode zur Überwindung des Kapitalismus im Klaren sind, sich an unseren Debatten zu beteiligen. Es bleibt dabei, dass wir den NaO-Prozess als ein Projekt revolutionär gesinnter Kräfte verstehen.“ (6.10.12 []
  3. Für uns erscheint es in den Kreisen der NaO-Prozess-Beteiligten als eine Binsenweisheit, dass der bürgerliche Gewaltapparat zerschlagen werden muss. Aber allein mit dieser Feststellung haben wir noch nicht viel geklärt. Die spannenden strategischen Debatten kommen erst nach dem Abhaken dieser Weisheit. []