[pærıs] bei NaO

Berlin, 11. Januar 2013

Antrag auf Beobachterinnenstatus im NaO-Prozess

Was ist [pærıs]?

[pærıs] ist eine recht kleine Gruppe, mit nicht übertrieben großer Mobilisierungskraft. Die Menschen, die bei [pærıs] mitarbeiten, kommen großenteils aus der linksradikalen Bildungsarbeit für Schülerinnen und Studentinnen. Aufgrund der Größe der Gruppe und der Einbindung in das Lohnarbeitsleben war das regelmäßige Angebot von Seminaren aber kaum aufrecht zu erhalten. Außerdem geriet [pærıs] immer mehr in inner-linke, vorwiegend antinationale Debatten, so dass sich der Fokus der Gruppe veränderte. Fortan begreift sich [pærıs] nicht mehr primär als Bildungsangebot, sondern als Intervention in linke Debatten. So regten wir zusammen mit Plan E an, eine Debatte über den Realsozialismus zu führen, und inwiefern unsere Arbeit mit ihm ins Verhältnis zu setzen ist, statt ihn, wie zu der Zeit der Großteil antinationaler Gruppen, einfach als Irrweg abzutun, mit dem man nichts zu tun habe. Im Moment arbeiten wir an einer Broschüre über Planwirtschaft, deren Ziel es ist, dafür einzutreten, das „Bilderverbot“ der Linken insofern zu überwinden, dass das, was jetzt schon gesagt werden kann, auch jetzt schon gesagt werden sollte. Diejenigen, die nämlich am lautesten schreien, man solle sich kein Bildnis machen, haben utopische Vorstellungen vom Kommunismus im Kopf: Die Menschen werden ganz andere sein, alle Mängel an Gütern würden wie von selbst verschwinden und Mangelverwaltung würde unnötig, die wenige Arbeit, die noch nötig wäre, würden die Menschen freiwillig und mit Spaß erledigen, und so weiter. Das sind alles Sachen, die wir auch gerne wollen. Wir sehen aber im Moment keine Mittel, die nötig wären, um solche Zwecke realistisch verfolgen zu können. Deshalb halten wir uns an das, wofür Mittel zumindest am Horizont sind, nämlich zunächst die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Übergabe der Kontrolle an Räte. Mit jenem Utopismus dagegen wird aus der realen Möglichkeit der wesentlichen Transformation der Gesellschaft hier und jetzt ein unerreichbares Jenseits und aus der politischen Arbeit ein quasi-religiöser Akt. Dagegen setzt [pærıs] sich ein.

Was wollen wir von dem NaO-Prozess?

Unsere Einschätzung der gegenwärtigen Lage der Linken ist die, dass die versprengten Gruppen viel besser miteinander zusammenarbeiten könnten, als das bisher der Fall ist. „[pærıs] bei NaO“ weiterlesen

Feministische Politik in revolutionären Zusammenhängen

Hier nun noch dokumentiert der Beitrag von [pæris] zum Roten Abend der Internationalen KommunistInnen am 5.12.2012

Der Kampf gegen das Geschlechterverhältnis ist ein wichtiges Thema für eine antikapitalistische Organisation, schon allein deshalb, weil man für eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft sehr viele sein muss. Eine revolutionäre Organisation kann es sich also gar nicht leisten, einfach zu ignorieren, woran mindestens die Hälfte der Menschen in dieser Gesellschaft leiden. Es wäre ja drollig, wenn weiße männliche Lohnanhängige ihre Interessen versuchen als gesellschaftliches Allgemeininteresse darzustellen und sich wundern würden, dass sie damit ziemlich unter sich bleiben. Da es der Zweck einer revolutionären Organisation ist, die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu kritisieren und alternative Möglichkeiten der Vergesellschaftung vorzuschlagen und zu propagieren, gehört es selbstverständlich dazu, die gesellschaftlich hervorgebrachten Schrecklichkeiten möglichst umfassend in den Blick zu nehmen.

Das haben inzwischen die meisten linken Gruppen und Organisationen eingesehen. Mindestens pro forma steht in jedem Grundsatzpapier, dass es freilich nicht nur das Kapital zu bekämpfen gilt, sondern ebenso Rassismus und das Patriarchat, sowie andere – meist nicht weiter spezifizierte – Herrschaftsverhältnisse. Die Frage ist, was das im Konkreten heißt, welchen Stellenwert das hat und was für eine Art der Praxis sich daraus ergibt. „Feministische Politik in revolutionären Zusammenhängen“ weiterlesen

Gleichzeitige Herrschaftsstrukturen (Vorschlag von [pærıs] für NaO-Essentials)

Uns geht es darum, dazu beizutragen, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Aus diesem Grunde bekämpfen wir das Kapitalverhältnis, ebenso wie damit verknüpfte, darin aber keineswegs aufgehende weitere Herrschaftsverhältnisse. Jede gesellschaftliche Zuschreibung von Charaktereigenschaften aufgrund von zufälligen und unwesentlichen Merkmalen wie Hautfarbe, Penis, Vagina, geschlechtlicher Orientierung, Körperbehaarung oder Musikgeschmack zwingt Menschen in eine Rolle und wendet sich gegen ihre Selbstbestimmung. Schon das macht sie verächtlich und muss allgemein bekämpft werden.

Innerhalb der Zuschreibungen macht es allerdings noch einmal einen Unterschied, ob Menschen durch diese Vor- oder Nachteile haben. Bei der Bekämpfung ideologischer Strukturen geht es uns deshalb um beides: Um die generelle Bekämpfung von Kategorien wie „Rasse“ und „Geschlecht“, ebenso wie um die Parteilichkeit für die in diesen Zuschreibungen Erniedrigten. Rassismus, Sexismus und alle anderen gesellschaftlichen Zuschreibungsmechanismen sind Unterdrückungsverhältnisse, sie sind aber überdies auch gesellschaftliche Strukturen, die Zwänge für alle schaffen. Beides gehört abgeschafft.

Bei deren Abschaffung ist es mit der Abschaffung des Kapitals nicht getan. Zwar wird mit dem Kapital die ungleiche Bezahlung abgeschafft, die Überforderung der Privatsphäre, ebenso wie die nationale Trennung der Ökonomien, die letztlich ganz wesentlich Anteil an der Hervorbringung rassistisch formierter Ängste hat. Auch, dass die „Raffenden“ Schuld an der Misere seien, weil sich nicht in der Produktion, sondern bei der Konsumtion zeigt, dass das Geld nicht reicht, wird sich erübrigen, wenn die Produktion der Mittel zur Bedürfnisbefriedigung gesellschaftlich geplant wird. Mit den realen Zwängen werden aber sicher nicht die Zuschreibungen verschwinden. Diese haben sich im Gegenteil seit ihrem Entstehen extrem verhärtet. Es dreht sich ja nicht nur um Fremdzuschreibungen, sondern ebenso um Selbstzuschreibungen, die ganz wesentlich dazu beitragen, die je eigene Subjektivität zu formen. Jede weitere Fremdzuschreibung reproduziert die Selbstzuschreibungen und umgekehrt. Ein solchermaßen verhärtetes Verhältnis ins Wanken zu bringen, bedarf mehr als der objektiven Veränderung von Institutionen. Es bedarf der Aufmerksamkeit auf alles, was die Zuschreibungen fortschreibt, seien das Worte, Blicke oder Änderungen im Redeverhalten, allen wie bestimmten Menschen gegenüber. Es bedarf aber auch mehr als der subjektiven Selbstprüfung von Einzelnen: Mit der positiven Umwertung der Zuschreibung ist auf jeden Fall nichts gewonnen. Äußerungen wie „Die Emotionalität von Frauen ist doch eine besondere Qualität“, mögen im Einzelfall nett gemeint sein, reproduzieren aber nur das Problem. Immerhin etwas, aber doch viel zu wenig ist gewonnen, wenn mensch darauf bedacht ist, keine falschen Worte zu benutzen, weil sich eben auch besonders im Verhalten, in Blicken und Tonfällen äußert, ob Menschen als solche und zwar auf Augenhöhe Ernst genommen werden.

Es ist keine Zusatzbeschäftigung, sondern essentieller Zweck des NaO-Prozesses in und mit unserer Praxis jene Zuschreibungen sowie deren realen Effekte zu bekämpfen – also gesellschaftlich institutionalisierte wie nicht institutionalisierte Herrschaftsverhältnisse zu bekämpfen. Es gehört hierzu auch, innerhalb der Organisation über den bloßen Verweis auf eine zukünftige Veränderung der Objektivität ebenso hinauszugehen wie über eine subjektive Verhaltensprüfung, insofern, als dass die Diskussion um die Institutionalisierung von zumindest Teillösungen im Hier und Jetzt forciert wird. Solche Teillösungen mögen zum Beispiel Redeleitung und Quotierung sein, ebenso aber auch die institutionalisierte Sorge dafür, dass die Diskussion über Redeverhalten und Blicke ein kontinuierlicher Gegenstand des Prozesses bleibt. Die Aufmerksamkeit auf Zuschreibungen soll ebenso ein fester Bestandteil bei der redaktionellen Bearbeitung und Diskussion aller Veröffentlichungen sein.

Quelle:
Eine am 04.08.2013 mit dem Programm WebHTTrack Website Copier erstellte – leider unvollständigen – Kopie der Seite nao-prozess.de in ihrem damaligen Zustand. Der Artikel erschien ursprünglich unter der Adresse www.nao-prozess.de/blog/gleichzeitige-herrschaftsstrukturen-vorschlag-von-prs-fuer-nao-essentials/.

Wieso die Bekämpfung von Sexismus für eine Antikapitalistische Organisation keine Zusatzaufgabe sondern eine Notwendigkeit ist

Dass der Kapitalismus nicht mehr ernsthafte Empörung hervor ruft liegt neben dem Mangel an vorstellbaren Alternativen auch daran, dass (fast) alles konkrete Leiden, was Menschen erfahren immer schon als quasi „logische“ Folge“ ihrer Zugehörigkeit zu dieser und jener Gruppe erscheint, und dass die weltweite Arbeitsteilung zwischen den Menschen (fast) nie als eine zwischen Menschen in den Blick kommt. Das betrifft nicht nur die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, sondern auch die internationale ebenso wie die Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Gruppen von Lohnarbeitenden eines Landes.
Es schreiben bei NaO fast alle, die Spaltungen innerhalb der Klasse der Lohnabhängigen verfestigen die kapitalistische Herrschaft. Gemeint scheint damit jedoch v.a. die Trennung im Kampf zu sein. Wenn alle zusammen streiken würden (egal ob Mann, Frau, Schwarz, Weiß, lohnarbeitend, Rentnerin, arbeitslos) und sich auf eine gemeinsame Perspektive der Absicherung ihrer Lebensbedingungen verständigen würden, dann könnte gemeinsam eine andere Art der Vergesellschaftung erkämpft werden. Das stimmt auch.
M.E. geht die Spaltung aber viel tiefer und weiter als die zwischen gegensätzlichen Interessen, die sich aus z.B. unterschiedlichen Vertragsverhältnissen innerhalb eines Unternehmens ergeben oder zwischen auf der einen Seite (noch) beschäftigten, die höhere Löhne und Absicherung ihrer Beschäftigung wollen, und andererseits arbeitslosen, die überhaupt (irgend-)einen Lohn wollen, und damit tendentiell in Konflikt kommen mit bestimmten gewerkschaftlichen Kämpfen.
Vielmehr ist das Denken in verschiedenen Kategorien von Menschen schon das Problem, und der Grund, warum die ernsthafte Solidarisierung so zäh vorangeht.
Leiharbeiterinnen sind dafür kein gutes Beispiel, weil diese Kategorie – noch – einen sehr schwachen Grad von Essentialisierung enthält. Leiharbeit (sowie andere als „irregulär“ geltende Beschäftigung) wird – noch – als unterschiedliche Arbeitsbedingung wahrgenommen, wo es vielleicht sogar Empörung hervorruft, dass die Kollegin anders bezahlt und anders behandelt wird, da sie (qua Auslagerung) nicht „richtig“ zur Belegschaft gehört.
Bei als Frauen bezeichneten Menschen ist das schon anders. Diese Kategorie wird sehr wohl von den meisten als essentielle wahrgenommen. Man „ist“ eine Frau, und wird nicht nur so behandelt. „Wieso die Bekämpfung von Sexismus für eine Antikapitalistische Organisation keine Zusatzaufgabe sondern eine Notwendigkeit ist“ weiterlesen